Jerusalem

Die Clique aus der 10. Klasse des Gymnasiums René Cassin hatte sich getroffen, um den Geburtstag von Freunden zu feiern. Zwillingsbrüder aus der Nachbarschaft Pisgat Ze'ev waren 15 geworden. Sie alle hockten am Samstagabend in einem Café in der Jerusalemer Fußgängerzone zusammen. Mit dem letzten Bus wollten sie nach Hause fahren. Ein ganz normaler Abend. Beim Abschied auf dem Zionsplatz stand plötzlich der Selbstmordattentäter neben ihnen und drückte auf den Auslöser. Zwei aus der Gruppe wurden zerfetzt. Die Zwillinge liegen jetzt schwer verletzt im Krankenhaus: Eran musste bereits mehrmals an den Beinen operiert werden, die Venen hatten dem Druck der Explosion nicht standgehalten. Ob sein Bruder Avi überlebt, ist unklar.

Am nächsten Morgen fehlte die gesamte Gruppe in der Schule. Ihre Klassenkameraden standen unter Schock, als sie von den Opfern erfuhren. "Erst kamen laute Schreie des Entsetzens, und dann war da dieses seltsame Schweigen", erzählt eine Lehrerin, die für die erste Stunde zuständig war. Sie verhinderte, dass die Schüler ihrem ersten Antrieb folgten und einfach gingen. "Ich befahl ihnen: Bewegt euch bloß nicht weg von hier, und schon gar nicht mit dem Bus." Die für diese Woche geplante Prüfung im Französischunterricht will die Lehrerin ausfallen lassen. "Das geht jetzt einfach nicht." Doch der Unterricht geht weiter - ganz normal. Unausgesprochen bleibt eine Frage, die nach den Anschlägen vom Wochenende mit mindestens 26 Toten alle Israelis - bewusst oder unbewusst - beschäftigt: Wie viel Normalität ist noch möglich?

Meide volle Plätze und Busse!

Als in Manhattan die Flugzeuge ins World Trade Center gestürzt waren, stand die Riesenstadt eine ganze Woche lang still. In Israel erlaubt sich nach einem Anschlag niemand eine Pause. Der Alltag geht weiter - auch wenn das einer Mutprobe gleicht. Die Menschen fahren mit öffentlichen Transportmitteln zur Arbeit, sie gehen einkaufen, versorgen ihre Familien, feiern Hochzeiten. Das Leben muss weitergehen, lautet das Motto. Und, wenn nach einem besonders grauenhaften Anschlag die Emotionen hochfliegen, wird meist noch ein Satz nachgeschickt: "Wenn unsere Feinde glauben, dass sie uns von hier vertreiben können, dann haben sie sich getäuscht."

Die Schnelligkeit, mit der die Israelis die Spuren eines Anschlags beseitigen, zeigt den Willen, sich nicht von der Gewalt besiegen zu lassen. Auf dem Zionsplatz sind nur wenige Stunden nach den Explosionen schon fast alle Spuren des Grauens verschwunden. Glaser setzen neue Scheiben in die Fensterrahmen ein, Ladenbesitzer ordnen die verwüsteten Auslagen. Nur die ernsten Gesichter, die traurige Musik im Radio erinnern an die Schrecken der Nacht. Normalität im Ausnahmezustand.

Das Land ist klein, jeder kennt immer irgendjemanden, der direkt betroffen ist. In einer Falafelbude läuft ein Fernsehapparat, gerade werden die Namen der Toten vorgelesen, die meisten sind jung, noch keine zwanzig. Die verharrenden Passanten tauschen schweigend Blicke aus, als die Ansagerin das Alter der Opfer durchsagt. Diese sind nur um ein paar Jahr jünger als ihre Mörder, jene "Boten des Todes" wie auf einer frischen Sterbeanzeige an einer Häuserwand steht.