Grausam war's, das steht außer Zweifel. Die Bilder vom Aufstand der Taliban im Gefängnis Qala-i Dschanghi mochten selbst hart gesottene Fernsehzuschauer erschüttern: ein Kämpfer der Nordallianz, der einen Toten als Kugelfang benutzt; Panzer, die aus kürzester Distanz auf die Rebellen feuern; ein mit Leichen übersäter Innenhof. Das Gefängnis als Schlachthaus.

Es war einer der seltenen Einblicke in den Alltag Afghanistans seit Beginn des Krieges am 7. Oktober. Ein Krieg, der Fragen nach der Wahrung des Völkerrechts aufwirft. Sind die eingesetzten Methoden und Mittel verhältnismäßig? Werden Zivilisten geschont? Wird der Westen seinen hohen moralischen Ansprüchen gerecht? Der Auslöser des Aufstandes von Qala-i Dschanghi ist nicht geklärt. Es gibt zwei Versionen: Die Rebellion, heißt es, sei ausgebrochen, weil die Taliban lieber sterben wollten, als gefangen zu sein. Die zweite Erklärung sagt, die Taliban hätten rebelliert, weil sie dachten, sie würden ohnehin exekutiert.

Ob spontaner Aufstand oder inszeniertes Massaker - sicher ist nur, dass am Ende zwischen 400 und 600 Gefangene tot waren. Es handelte sich dabei um so genannte "Araber" - Fundamentalisten aus vieler Herren Länder, die sich Osama bin Laden angeschlossen hatten. Die "Araber" waren für alle ein Problem: Bei den Afghanen selbst sind sie verhasst; die Amerikaner jagen sie; in ihren Ursprungsländern (Pakistan, Russland, Saudi-Arabien, Usbekistan) wird ihr Destruktionspotenzial gefürchtet. Über ihren Tod wird sich niemand beschweren.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte wenige Tage vor dem Geschehnissen von Qala-i Dschanghi: "Die ausländischen Kämpfer sollen entweder gefangen genommen oder getötet werden!" Das Pentagon bemühte sich danach zu erklären, Rumsfeld habe damit keine Aufforderung zum Töten der "Araber" ausgesprochen. Ob diese Botschaft auch bei Raschid Dostum ankam, lässt sich bezweifeln. Warlord Dostum leitete die Niederschlagung des Aufstandes - mithilfe der US-Luftwaffe. Aber nicht nur Qala-i Dschanghi wirft Fragen nach der Verhältnismäßigkeit des Krieges auf.

Nach Berichten der britischen Zeitung The Independent haben amerikanische Bomben in den vergangenen drei Wochen in mehreren afghanischen Städten bis zu fünfhundert Zivilisten getötet. In dem Ort Khanabad nahe dem nordafghanischen Kundus sollen allein hundert Menschen in einem Hagel von Streubomben ums Leben gekommen sein. Solche Gefechtsköpfe bestehen aus Hunderten kleinerer "Bömbchen", die bei der Explosion eine Splitterladung verstreuen. Manche bleiben liegen - bis eine achtlose oder neugierige Berührung sie explodieren lässt. So können sie noch lange nach dem Abwurf töten und verstümmeln. Wie den 15 Jahre alten Habibullah, der auf eine der Bomben trat. Der Independent-Reporter Justin Huggler fand den Jungen mit aufgerissenem Bauch auf einem Feld voller Bombenröhren sitzen.

Splitterbomben auf Wohngebiete verstoßen gegen die wesentlichen Prinzipien des Kriegsvölkerrechts. Es sind Schicksale wie die des jungen Habibullah, die eine internationale diplomatische Konferenz endgültig verhindern wollte, als sie am 12. August 1949 auf Initiative des Roten Kreuzes die Genfer Konventionen verabschiedete. 188 Staaten haben sich seitdem mit den Kriegsrechtsabkommen und ihren Zusatzprotokollen von 1974 bis 1977 auf eine scheinbar paradoxe Absicht verständigt: Die Unmenschlichkeit des Krieges so menschlich wie möglich zu machen. Zwei humanitäre Grundgedanken durchziehen sämtliche völkerrechtlichen Abkommen zum ius in bello. Erstens: Allen Kriegsbeteiligten, Konfliktparteien wie Zivilisten, ist übermäßiges Leid zu ersparen. Zweitens: Es ist strikt zwischen Kombattanten und Zivilbevölkerung zu unterscheiden. Auch wenn die USA mit ihrem Antiterrorfeldzug gegen bin Ladens Al-Qaida keinen klassischen Krieg führen, ändert dies nichts an der Gültigkeit der Kriegsrechtskonventionen. Ganz im Gegenteil: Gerade weil die Amerikaner keinen Staat bekämpfen, sondern Einzelpersonen, müssen für die vielen Unbeteiligten die Schutzregeln umso strenger gelten. Aber genau das scheint in Afghanistan nicht zu passieren.

Seit Beginn der Luftangriffe warfen die amerikanischen Streitkräfte mindestens drei Megabomben des Typs BLU 82 mit dem Beinamen "Daisy Cutter" ("Gänseblümchen-Mäher") ab. Die 7 Tonnen schweren und 3,65 Meter hohen Treibstoffbomben detonieren kurz vor dem Aufprall über dem Boden. Die gewaltige Explosion eines Benzingemischs hinterlässt innerhalb ihres unmittelbaren Umkreises von 550 Metern völlige Verwüstung. Dass durch den Abwurf von "Daisy Cutter"-Bomben von Bord der 5000 Meter hoch fliegenden B-52-Bomber auch Unbeteiligte ums Leben kommen können, liegt auf der Hand. Artikel 35 Absatz 2 des Ersten Zusatzprotokolls der Genfer Konventionen ächtet "Waffen, Geschosse und Material sowie Methoden der Kriegsführung (...), die überflüssige Verletzungen oder unnötige Leiden verursachen können". Die Vereinigten Staaten haben dieses Erste Zusatzprotokoll von 1977 bis heute nicht ratifiziert. Auch das Internationale Abkommen über ein Verbot für den Einsatz von unterschiedslos wirkenden (also Kämpfer und Zivile gleichermaßen treffende) konventionellen Waffen vom 10. Oktober 1980 haben die USA nicht anerkannt.