Liebe werdende Eltern, seid wachsam. Immer um diese Zeit, früh im Jahrhundert, kommen geniale Volksdramatiker zur Welt. Am 7. Dezember 1801 wurde der Wiener Johann Nestroy geboren; in gebührendem Abstand, am 9. Dezember 1901, folgte ihm der ungarisch-österreichisch-deutsche Heimatlose Ödön von Horváth. In diesen Tagen müsste es also wieder so weit sein. Rücken wir ein wenig zusammen, lächeln wir, damit sich der Neue nicht gleich am Anfang vor uns fürchtet.

Nestroy und Horváth haben Stücke übers und fürs Volk geschrieben, sie haben aber auch gegens Volk geschrieben - gegen Verrohung, Verdummung, Verlogenheit. Beide benützen die Sprache des gemeinen Volkes, um zu zeigen, wie weit es abgewichen ist vom Ideal eines nicht gemeinen Volkes. Bei beiden wird Sprache kenntlich als etwas, was seinen Zweck verfehlt. Sie erhöht nicht die Wahrhaftigkeit zwischen den Menschen; sie dient der Verhütung von Wahrheit, der Vertuschung von Gedanken. Wo allerdings Nestroy die Lüge noch in barocker Fülle inszeniert, da ist Horváth ihr nüchterner Erforscher. Wer das Werk dieser beiden vergleicht, lernt einiges darüber, wie die Sprache allmählich heruntergekommen ist auf ihre Schöpfer.

Bei Nestroy ist Sprache ahnbar als etwas einst Erhellendes; sie hätte die Zauberkraft, den Nebel zu lichten - wenn das die Zauberer wollten. Bei Horváth ist Sprache selbst ein Nebel, Isoliermaterial; seine Figuren sind getrennt durch die gemeinsame Sprache. Bei Nestroy, dem etymologischen Dramatiker, ist die Sprache noch ein Schatz, in den ein wenig Tinnef eingeschmuggelt wurde. Bei Horváth ist der Schatz geraubt und durch Blech ersetzt. Bei Nestroy besteht zwischen Sprecher und Sprache eine Spiel-leidenschaft. Bei Horváth sind die Menschen nur noch Getriebene ihrer Sprache.

Bei Nestroy haben sich die Wörter noch nicht entschieden, zu welcher Bedeutung sie aushärten; die Sprache ist weich und flüssig, jeder Begriff ist Schauplatz eines rauschenden Sinntumultes. Jedes Nestroy-Sprachspiel ist gleichsam ein Käfig, in dem bunte Sinnvögel schnatternd gegen ihre Gefangenschaft protestieren. Jedes Wort war früher ein Bild, und ehe es Bild wurde, war es etwas Lebendiges. Und dieses Lebendige bittet Nestroy zum Tanz. Er zieht, mit seinem Helden Titus Feuerfuchs gesprochen, der Sprache das Feyrtagsgwandl an. Bei Horváth, hundert Jahre später, trägt die Sprache ihr Totenhemd.

Was bleibt da dem Volksdichter zu tun, der nach dem Gesetz der Serie in diesen Tagen geboren wird? Nur dies: das Abstreifen des großen Totenhemdes, die entschlossene Entdeckung des Volkes unter der eigenen, nackten Haut. Künftige Volksstücke, das deutet sich schon an, werden Monologe sein. Nestroy sagt: "Wenn man sich so recht selber für ein' Narren halt't, dann maus't sich der Geist doch in so weit heraus, dass er fähig is, wieder eine Axenumdrehung der Welt zu verknusen."