Es hilft nichts: Man kann sie noch so oft an Plakatwänden oder in U-Bahnen auftauchen lassen, sie sind nun einmal ungefähr so beliebt wie die Typen, die man leider nicht rechtzeitig beachtet hatte und die einen damit fertig machen, dass sie zwischen zwei Stationen auf einmal zu singen (singen?) anfangen und einem dann die schlaffe Kappe hinhalten. Niemand kauft sie, niemand liest sie, niemand will sie: Gedichte. Denn Gedichte, sind die Parias unter den Textsorten. Da hilft es auch nicht, dass man sie bis zu Gilgamesch zurückverfolgt. Walther, Goethe, Hölderlin, Benn als ganz gewöhnliche Abendlektüre? Ach was. Gernhardt, ach ja.

Ach und abermals ach: das Nicht-aufhören-Können der Romane, das Hin und Her auf dem Theater - wie kann und konnte man so ungenötigt übersehen, was des Gedichtes Vorteil ist? Vor allem seine wunderbare Kürze! Und seine offenbare Künstlichkeit, das Konzentrierte und das immer auch leicht Irre. Nun, es geht hier um ein bestimmtes Buch, um die Gedichte von Michael Hofmann, darüber soll geredet werden, auch wenn das fast wie ein Luxus erscheint. Zumal das Buch auch noch zweisprachig ist (die englischen Originale und die Übersetzungen von Marcel Bayer) und obendrein in einer Art Spezialpappcontainer steckt, als wär's, ich weiß nicht was. Und das ist es auch.

Michael Hofmann wurde im Jahr 1957 in Freiburg geboren als son of my father, und der war nicht irgendwer. Der war vielmehr Gert Hofmann, Schriftsteller vielleicht nicht von Gnaden, aber doch von erheblichen Graden, altmeisterlich und seinerzeit sehr gern gelesen. Auch der Sohn ist zwar inzwischen längst mehr als irgendwer, nach etlichen gerühmten Lyrikbänden, gelobten Übersetzungen und vielen Rezensionen vor allem deutschsprachiger Autoren, aber zu lange war er der kleine Sohn des großen Vaters, als dass ihm das nicht heftig nachgegangen wäre und wohl noch heute nachgeht. Zahlreiche Gedichte reden davon (in diesem Auswahlband verhältnismäßig mehr als im gesamten ‘uvre), aber dies sind nicht unbedingt die besten. Zu deutlich bleibt der Vater ein sperriges Möbelstück, das kein Sohnesinteresse wirklich aufschließen will; er steht im Weg, irritiert und bekümmert und wartet vermutlich auf den Tag, da der Sohn beginnt, Prosa zu schreiben.

Vorläufig allerdings, zum Glück, schreibt er Gedichte, und was für welche darunter sind! Solche nämlich, die uns in Erinnerung rufen, dass die Welt überhaupt und an sich ein Gedicht ist, nicht im Siebeckschen Sinne, sondern nach Hofmanns Manier: etwas Zersplittertes und Ungereimtes, ein gleichzeitiges dies und das, Anmut und Zumutung in einem, eben: die Welt. So sind die besten Hofmannschen Gedichte: eine Zumutung in der Sache und Anmut in der Form et cetera pp., Sie wissen schon. Wer morgens vor die Tür tritt, den nachtschweren Kopf auf den Schultern, weiß, wie zersplittert sein Traum war und wie ungereimt das ist, was da in der Früh auf ihn zukommt. So muss es gewesen sein, als Hofmann, von seinen Zugvogeleltern dort hinterlassen, zum ersten Mal sich wirklich in England umsah. Wunderbar wach scheint er da gewesen zu sein, schon in seinem allerersten, hier nicht vertretenen Band Nights in the Iron Hotel, und er ist es offensichtlich geblieben:

Warmluft, kein Sonnenschein. Der Himmel war Pappe,

keine Tiefe, keine Farbe, genau wie Gehwege und Gebäude.

Mai war es, und im Rinnstein lagen Haufen blaßroter