Der Winter kommt, in ein paar Wochen sind die Pässe unbegehbar, doch noch ist die Lage einigermaßen übersichtlich: "Ein erstes Kerngebiet der Nordallianz ist das Pandschir-Tal, ein zweites liegt im Nordosten um Felsabad, einen dritten Schwerpunkt bilden in der Gegend von Herat, wo viele Schiiten leben, die Verbände von Ismail Khan." So eine Tageszeitung Ende Oktober. Und trotzdem war auch Herat unter den ersten Zielen der amerikanischen Bomber. Herat, das hier keiner kennt, Herat, die alte Buchmalerstadt, die in Orhan Pamuks neuem Roman Rot ist mein Name allen Figuren, so zerstritten sie auch sind, als eine Chiffre für Hochkultur gilt.

Ist Pamuk ein Experte für Fernes und Altes? Mit einer anderen Geschichte kommt man ihm näher: Sein türkisches Leben weist Elemente auf, die man aus der klassischen abendländischen Künstlerbiografie um 1900 kennt: Der Großvater Kaufmann, einer der ersten Fabrikanten in der Türkei; der Vater Ingenieur, doch schon er las am liebsten Paul Valéry und schwärmte, er habe Sartre in Paris im Café sitzen sehen. Sohn Orhan, entschieden dekadent, wollte gleich Maler werden. Sein ganzes Teenager-Dasein habe er das, erklärte Pamuk einmal in einem mehrseitigen Schreibheft-Interview, mit großem Ernst betrieben. Bis er, nach dem Tod des Vaters, zum Schreiben wechselte. Damit beschäftigte er sich acht Jahre lang, von 22 bis 30, ohne jeden Erfolg, in aller Einsamkeit, ohne irgendetwas zu verdienen.

Kein "Blitzstart" also, wie man lesen konnte. Aber etwas anderes stimmt: Es gibt wohl keinen Schriftsteller, der die Möglichkeit der Koexistenz von Islam und westlicher Bildung in einer Person so sehr verkörpert wie Orhan Pamuk. Die westliche Tradition, der er durch seine Familie verbunden war (drei Jahre lang lebte er standesgemäß in New York), war ihm irgendwann nicht mehr genug, schien ihm unvollständig angesichts einer Türkei, die, "nach Westen gewandt, auf einem stillen Schiff fährt, das sie nach Osten trägt". Pamuk begann, sich mit Sufi-Mystik, mit alten, nichtorthodoxen Positionen des Islam, zu befassen.

Das war neu in der modernen Türkei. Geschichte? 90 Prozent der türkischen Autoren, hat Pamuk einmal gesagt, fühlten sich durch die stark polarisierende Tagespolitik zu "aktuellen" Romanen verpflichtet. Literatur kam bisher oft nur mit Zielrichtung, als Vehikel zur Verteidigung der Rechte der Stimmlosen daher. Das muss, man lese Yasar Kemal, nichts Schlechtes bedeuten. Pamuk jedoch drehte Brechts Diktum, Schriftsteller sollten nicht nach ihrem Parteibuch, sondern der Politik in ihren Werken entsprechend beurteilt werden, noch einmal um. Für die Literatur verlangt er alle Freiheit, doch als einer der Ersten verteidigte Pamuk Kemal vor den Angriffen der Konservativen, die, unter Masken versteckt, auch in Rot ist mein Name eine Rolle spielen, diesem fünfhundertfünfzig Seiten langen Roman, an dem Pamuk seit 1990 mit Unterbrechungen und ohne jedes Schielen auf Aktualität geschrieben hat, der sich jetzt ohne Verzerren des Textes über weite Strecken als Parabel auf die aktuellen Geschehnisse lesen lässt.

Es ist nicht viel, was zerstört worden ist, aber: "Alles war voller Scherben von Tassen, Tellern, Gläsern. Ich legte die Sitzkissen aufeinander, langte hoch und nahm die Lampe ab. In ihrem Schein bemerkte ich dann die am Boden liegenden Körper. Als ich das blutüberströmte Gesicht des einen sah, wandte ich mich ab und ging zum nächsten weiter. Der zweite Körper stöhnte." Man hat ein Kaffeehaus, das der Spötter, der Illustratoren, überfallen.

Alles Unglück beginnt mit den Reisen des Oheims und den Launen des Padischah. Der Oheim, der zweite Buchmaler am Hof des Osmanischen Reichs, wird von seinem Herrscher von Istanbul aus, vor sechshundert Jahren, in den Westen geschickt. Dabei sieht der Botschafter des Padischah zum ersten Mal die venezianischen Maler der Zeit. Fasziniert bleibt er vor den Fürstenköpfen in einer Ahnengalerie stehen. Sein Gastgeber erklärt ihm, die Bilder dienten der Erinnerung der einzelnen Personen, deren Wappen, deren Besitztümer als Bilder im Bild präsent sind. Der Oheim ist beeindruckt, kehrt zurück und beginnt, vorsichtig die "fränkische" Malweise zu pflegen.

Doch was dem Westen wertvoll ist, die Individualität und ihre Erfolge, ist schon dem konservativen Islam, er muss nicht fanatisch sein, unerheblich bis falsch: Die perspektivische Subjektivität verstößt gegen den Einen Blickwinkel Gottes, der gefunden werden konnte, weil man den Malstil einer Zeit, stellvertretend für ihren Lebensstil, absolut setzte. Nicht das Herausragen, das Verschwinden ist das Ziel der klassischen arabischen Malerei, ähnlich wie im christlichen Mittelalter. Viele Zypressenbäume kann man auf den alten Herater Bildern sehen, aber wenn man den bedeutendsten der dortigen Maler, Behsad, an den seinen erkannte, dann war das wohl gegen seinen Willen. Es ist nicht nur Konvention, dass den Bildern die Signatur fehlt, es ist kein Zufall, dass den Strengsten das Bild weniger gilt als die Kalligrafie.