Der Mann ist unterwegs, seit sechs Jahren schon, und manchmal scheint er daran zu zweifeln, dass er jemals ankommen wird. Jetzt zum Beispiel. Helmut Spiering sitzt vor einer spanischen Schulklasse, die Jungs schauen gelangweilt, die Mädchen prüfen ihre Fingernägel, manche machen unter dem Tisch ihre Hausaufgaben, und für einen kurzen Moment scheint es so, als habe Spiering seinen Text vergessen, doch dann fällt er ihm wieder ein: "Wir möchten gerne, dass ihr euch öffnet." Dann sackt er in sich zusammen.

Helmut Spiering, Oberstudienrat, der an einem Gymnasium in Bad Iburg Mathematik und Erdkunde unterrichtet, weiß nicht mehr, vor wie vielen Schulklassen er diesen Satz schon gesagt hat im Laufe seiner Reise, den immergleichen Satz, so, als wäre er ein Handlungsreisender in Sachen Menschlichkeit und Toleranz.

Vor neun Jahren übernahm Helmut Spiering eine 9. Klasse, die keiner unterrichten wollte, denn die Schüler waren schwierig und hatten zu nichts Lust. Spiering fragte sie damals: "Was wollt ihr eigentlich?" Sie antworteten: "Wir wollen nach Berlin", und Spiering sagte: "Okay, dann müsst ihr aber auch was tun." Und dann muss in Berlin etwas passiert sein, plötzlich interessierten sich die Schüler für diese Stadt, für Deutschland, für deutsche Geschichte, und als dann in Mölln und Solingen Häuser in Brand gesteckt wurden, in denen Ausländer lebten, drehten die Schüler einen Film. Sie interviewten Wolfgang Stresemann, Günter Schabowski und Lew Kopelew, sie drehten Spielszenen und übernahmen selbst die Hauptrollen: Ein jüdischer Junge wird 1934 von seinen Mitschülern verprügelt; eine Frau flüchtet nach dem Krieg aus dem zerbombten Dresden in das zerbombte Berlin; Skinheads überfallen ein Asylbewerberheim; ein Ostdeutscher und eine Westdeutsche streiten sich darüber, wer schlechter dran ist nach der Wiedervereinigung.

Den Film nannten sie Fremdsein in Deutschland, und er wurde dann auf der Berlinale gezeigt, später im Bundestag, Helmut Kohl, Ignatz Bubis und viele andere klopften Helmut Spiering auf die Schulter, und seitdem schreibt Spiering Briefe an deutsche Schulen und an das Goethe-Institut, alle sollen den Film sehen, er will raus, raus nach Europa, um anderen Schülern in anderen Ländern seinen Film zu zeigen. Immer in den Schulferien ist er auf der Reise, wird von eigenen Schülern begleitet - schließlich geht es ihm um die "Begegnung von jungen Menschen". Die Jugendlichen, sagt Spiering oft, "sind doch die, um die es hier geht". Manchmal klingt das wie eine Rechtfertigung.

Es sind jetzt andere Schüler bei ihm als damals, nur noch einer vom alten Team ist mit dabei. Sie waren in Moskau, in Rom, in Florenz, und sie trafen Johannes Rau, Wolfgang Thierse, Gerhard Schröder und den Papst. Überall feierten sie Erfolge, jeder sagte ihnen, dass es gut und richtig ist, was sie da machen. Und jetzt sitzt Spiering mit Sebastian und vier weiteren Jugendlichen, Christian, Petra, Saskia und Susanne, vor dieser spanischen Klasse in der deutschen Schule in Madrid, und minutenlang passiert überhaupt nichts, bis ein Schüler erzählt, dass er schon einmal verprügelt wurde, ohne Grund. Dann reden plötzlich alle und erzählen von ihren Problemen, vom täglichen Rassismus und von denen, die immer noch den Diktator Franco verehren und sich mit Stolz Faschisten nennen, sie erzählen von Prügeleien zwischen Jugendlichen, die weite Klamotten anhaben und sich für links halten und denen, die enge Klamotten anhaben und sich für rechts halten. "Wir haben ja eigentlich keine Ahnung", sagt ein Mädchen. Es sagt, dass hier in Madrid zuerst die Wahl der Kleidung kommt und dann die Wahl der politischen Gesinnung. Spiering sagt: "Dagegen muss man doch was tun!", und ein Schüler sagt: "Warum? Es geht doch irgendwann vorbei."

"Eigentlich ist der Sinn unseres Projekts und dieser Reisen zu beweisen, dass es eben nicht vorbei geht", sagt Sebastian. Der letzte Übriggebliebene vom Filmteam ist 26 Jahre alt und der Musterschüler von Helmut Spiering, aber das will Sebastian nicht mehr sein, deshalb wird Madrid seine letzte Reise sein, er hat auch gar keine Zeit mehr, denn gerade hat er das Jurastudium beendet und sitzt als Parteiloser im Stadtrat von Bad Iburg. Dann erklärt er, dass er diesem Projekt sehr viel verdankt, dass es ihn verändert hat, dass er ein besserer Mensch geworden ist, einer, der sich für andere, Schwächere einsetzen will, aber dass es jetzt an der Zeit ist, aufzuhören und vielleicht auch an der Zeit wäre, dieses Projekt zu beenden, denn immerhin ist der Film jetzt sechs Jahre alt.

Das würde er Spiering natürlich nicht sagen - schließlich ist es dessen Lebenswerk. Die Reisen werden von Sponsoren unterstützt und vom Auswärtigen Amt, aber für seine Arbeit will Spiering kein Geld. In drei Jahren hat er einmal 26 000 Mark vertelefoniert, wenn er nicht unterrichtet, kümmert er sich um den Fortbestand seiner Idee: Jugendlichen seinen Film zu zeigen und mit ihnen in "Interaktion" zu treten. Spierings Lieblingswort.