Ein Gefühl für das richtige Timing, das ist das eigentliche Geheimnis. Es lebe der Augenblick. Von Boris Becker wissen wir, schon fünf Sekunden können die Welt verändern. Ein Jahr dagegen ist eine halbe Ewigkeit. Wie war das noch mit BSE und MKS? Das Grauen hatte einen Namen und war dann doch nur eine Episode. Wie lange liegt das schon zurück, was konnte uns den Rinderbraten so vermiesen? Die Bilder sind verblasst, in lebhafter Erinnerung nur noch Renate Künast als streitbare Jeanne d'Arc der Schlachthöfe. Und Milzbrand. Ein Wort schien die Republik zum Stehen zu bringen. Dann doch nur für Momente. Verschwunden auch, was gestern noch gefeiert wurde als schöne neue Fernsehwelt. Das stille Ende der Containershows und der allgegenwärtigen Trash-Talks blieb beinahe unbemerkt. Genauso wie der Einzug von Justitia Salesch, der neuen Quotenqueen. Fast vergessen der Abgesang auf den Untergang des Fernsehens, denn respektable Einschaltquoten gab's beileibe nicht nur bei Soaps, Zickenalarm und Luder-Outing. Es war das Jahr der Nachrichten. Und oft genug begleitet von dem Gefühl: Unsere Sprache reicht nicht, um all dies zu beschreiben, was wir sehen. Das Fahrrad im Schnee und der stumme Schmerz von Eltern, die ihre Tochter verloren. Die apokalyptischen Stunden von New York, die pulverisierte Angst aus Amerika, Attentate, Kriegsszenarien und Katastrophen. Da wurde der Flugzeugabsturz in Queens zum Unglück zweiter Klasse. Kein Terroranschlag, bloß ein technischer Defekt. Und schon werden die Toten auf den hinteren Seiten beerdigt. Das sagt manches über ein Jahr, in dem moralische Aufrüstung zur Bürgerpflicht wurde.

Alttestamentarisch blieb die Auseinandersetzung im Nahen Osten: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Beinahe schon ein fester Programmpunkt für jeden Jahresrückblick. Ein Szenario fast ohne Zukunft, doch genau dort ist der Israeli Eli Yadid zu Hause, möglicherweise der Glückspilz des Jahres. Am 1. Juni 2001 überlebt er, als in Jerusalem eine Hochzeitsgesellschaft in den Tod stürzt. Sechs Tage später übersteht er in Tel Aviv ein Attentat auf eine Discothek. Eli war von Schutzengeln umgeben oder, wie es sein Rabbi formulierte: "Eli, du hast neun Leben ..." Ich bin sicher, er wird sich an jedes einzelne erinnern.