10.00 Uhr am Broadway-Theater in der 35. Straße. Früher hieß es Colony. Unternehmensgründer Walt Disney präsentierte hier 1928 seinen ersten Trickfilm: Steam Boat Willie. Heute ist sein Zeichentrickunternehmen nach AOL Time Warner der zweitgrößte Unterhaltungskonzern der Welt: 26 Milliarden Dollar Jahresumsatz, Filmstudios, Kabelprogramme, Buchverlage, Radiostationen, Tageszeitungen, Shopping-Malls, Hockey- und Baseballteams, Kreuzfahrtschiffe, eine Insel. Und eine Stadt namens Celebration in Florida. Das Gelände hat eine eigene Polizei und eine Feuerwehr. Alles ist durchgestylt, alles wird zentral kontrolliert, selbst die Farbe der Fußmatten.Disney-Kritiker Richard Feglesong nennt den Konzern den "Vatikan mit Mäuseohren".

12.00 Uhr im Disney-Flaggship Store, Fifth Avenue. Disney hat weltweit mehr als 500 Geschäfte, vier in New York. Dort gibt es die grünen und lilablauen Monster. Außerdem Winnie the Poo aus Plüsch, Pluto als Robotdog, Alice im Wunderland aus Porzellan. Oder Mickey als Freiheitsstatue. Der Konzern liebt Symbole. Er besitzt auch die Vermarktungsrechte an den Canadian Mounties, der kanadischen Gebirgspolizei.

14.00 Uhr im Restaurant ESPN-Zone, 42. Straße. Hausherr ist der Disney-Sportsender ESPN. Überall Bildschirme, die Spiele zeigen. In simulierten Logen kann man Baseball-Steaks und Football-Hamburger bestellen. Gegenüber liegt Disneys New-Amsterdam-Theater. Dort läuft das Musical Lion King. Für Konzernchef Michael Eisner sind Musicals der Einstieg in den Städtetourismus - das Geschäft der Zukunft. Den Lion King gibt es als Video, als CD, Breitleinwand-Zeichentrickfilm und Plüschpuppe. Aber damit erschöpft sich Disneys "Cross-Marketing" nicht. 1997 hing am New Amsterdam ein Plakat, das für die Biografie des ABC-Stars Tim Allen warb - die im Disney-Verlag Hyperion erschienen war. Gleichzeitig drehte Disney den Film Jungle 2 Jungle, ebenfalls mit Tim Allen, der die 42. Straße im Hintergrund zeigt - und das New Amsterdam. Früher war die 42. Straße eine verrufene Pornomeile. Nachdem Disney den Kaufvertrag mit der Stadt New York unterschrieben hatte, wollte der Konzern die ganze Straße sperren lassen und Eintritt nehmen. "Kontrolle war für uns immer das Wichtigste", sagte Chefstratege Larry Murphy.

16.00 Uhr im Loews Multiplex-Kino, ebenfalls in der 42. Straße: Hier laufen die "Monster". In der Schluss-Szene zeigt ein Monster eine Zeitschrift mit dem Titel: Monsters Inc. is back again. Doch die Kinoerfolge von Disney lassen nach. Die Umsätze im laufenden Jahr sind eingebrochen. So auch die Werbeeinnahmen und der Aktienkurs. Die neuerdings flugängstlichen Amerikaner reisen nicht mehr so oft in die Spaßparadiese Disneyland oder Disney World. Und Disneys Filmfirma Touchstone musste den Kinofilm Big Trouble zurückziehen - und neu drehen. In dem Streifen hantiert (mal wieder) Tim Allen mit einer Bombe im Flugzeug. Und das wollte in den USA nach dem 11. September nun wirklich niemand sehen.

20.00 Uhr im Lunt-Fontanne-Theater, am Broadway. Seit acht Jahren läuft hier Beauty and the Beast, das erste Disney-Musical. In der ersten Reihe hält ein Kind ein Biest aus Plüsch - die gibt es im Foyer. Auf der Bühne tanzen tuntig kostümierte Kerzenhalter und Teekessel, Tortenheber und Teppiche. Etwas vom Disney-Zauber vergangener Zeiten springt über. Aida, das neueste Musical, markiert den Einstieg ins ernsthafte Genre. Die erste Disney-Geschichte ohne Happy End. Eine Liebesgeschichte zwischen einem weißen Mann und einer schwarzen Frau. Disney verkauft an Menschen aller Hautfarben. Weltweit. Die Indianerin Pocahontas in den USA, Mulan in China, den Glöckner von Notre Dame in Berlin. Das Reich der Maus umfasst Disneyland Paris, Disney World Tokyo und bald Disneyland Hongkong. Auch die Monster gibt es bald auf der ganzen Welt. Im Kino und bei McDonald's als Spielzeug zum Burger.

22.30 Uhr Die Schöne und das Biest umarmen sich. Dann ruft der böse Gaston zum Publikum: "Vielen Dank, dass ihr bei uns seid und nicht bei Harry Potter!" Der Seitenhieb ging gegen den Konkurrenten Warner Bros, der die Filmrechte von Harry Potter hält. Um das Geschäft mit Harry Potter nicht völlig zu verpassen, hat Disney gerade für 130 Millionen Dollar die Fernsehrechte gekauft.