Da es kein ordentliches Bewerbungsverfahren gibt, haben Vorabsprachen Tradition. Im Frühjahr versammelte der noch amtierende Intendant Dieter Stolte die ZDF-Direktoren, Chefredakteur Klaus Brender und eine Hand voll anderer Personen, um konkret über die Wahl seines Nachfolgers zu sprechen. Er soll, heißt es, sie allesamt zur Kandidatur eingeladen haben. Brender lehnte rasch ab. Vielleicht ahnte er, dass es schwieriger denn je werden würde, die Ministerpräsidenten im Verwaltungsrat (Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Thüringen) und den ZDF-Fernsehrat (der den Intendanten wählt), insbesondere dessen beide parteipolitisch dominierten Lager, für die aus seiner Sicht ideale Lösung zu gewinnen. Stolte selbst, der das ZDF seit 20 Jahren regiert, steht nicht mehr zur Verfügung. Seine Amtszeit endet definitiv am 15. März 2002. Als sein persönlicher Favorit gilt schon seit langem Gottfried Langenstein (CDU/FDP-nah), Direktor der Europäischen Satellitenprogramme 3sat und Arte. Neben ihm wurden vier weitere ZDF-interne Kandidaten vorgeschlagen: Fernsehspielchef Hans Janke (SPD-nah), der Leiter der Hauptredaktion Aktuelles, Helmut Reitze (CDU/CSU-nah), Programmdirektor Markus Schächter (CDU-nah) sowie Verwaltungsdirektor Hans Joachim Suchan (SPD). Einzige externe Kandidatin ist die Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg, Dagmar Reim (SPD-nah). Reim, Suchan und Janke erklären sich vorab als "chancenlos", da der ihnen nahe rote "Freundeskreis" dem schwarzen zahlenmäßig unterlegen sei. Der neue Intendant benötigt 47 von insgesamt 77 Stimmen, die im Fernsehrat zu vergeben sind. Beide Freundeskreise erreichen diese Mehrheit nicht. Das deutet auf einen Kompromiss hin.

Die sechs Kandidaten, die von der achtköpfigen "Findungskommission" des Fernsehrats benannt wurden, üben sich einstweilen in höflicher Zurückhaltung. Es sei nicht einfach, heißt es unisono, "Stoltes Amt zu füllen" - eine Platitüde mit wahrem Kern. Aber auch sonst sind kritische Töne über den Patriarchen kaum wahrzunehmen - weder in den Chefetagen noch unter den übrigen Journalisten im Sender. Das Bedürfnis, sich mehr mit der Spitze austauschen zu können, wird gern als Anspruch an die nächste Führung definiert - nicht aber als Vorwurf an Stolte. Man wird Stolte vermissen, das steht fest, den Neuen wird er als Maß der Dinge begleiten.

Denn in vielen Bereichen ist das Selbstbewusstsein unter Stoltes Ägide gestiegen. Das heute journal ist stolz, mehr Zuschauer zu haben als die Tagesthemen. Die Magazine Reporter und Frontal 21 freuen sich über gut zweistellige Quoten. Ansonsten hofft man auf den Fluren, dass der Nachrichtenbereich im bevorstehenden Bundestagswahlkampf größere Distanz zur CDU wahren möge als 1998.

Die Experten der Unterhaltungs- und besonders der Showformate indes sehen sich als "Dauerbaustelle". Zwar liegt Wetten, dass ...mit rund 15 Millonen Zuschauern sehr weit vorn. Doch die Enttäuschung wiegt schwer, dass man Günther Jauch ziehen ließ und die Chance verpasste, mit ihm Wer wird Millionär? zu produzieren. Der nächste Intendant sollte jedenfalls auch Programmintendant sein, damit er die Entwicklung "massenattraktiver" Unterhaltungskonzepte vorantreiben kann.

Auch im Talk-Segment steht das ZDF noch nicht ideal. Nach Einschätzung von führenden Programmmachern muss vor allem die "Kerner-Front" aufmerksam beobachtet werden. Die Vorstellung, Johannes B. Kerner viermal wöchentlich talken zu lassen, macht einige Unterhaltungsexperten im ZDF nervös. Sie sprechen von der "Kerner-Falle", einer Zwickmühle: Da die Sendung eine Auftragsproduktion ist, kann sie, wenn sie Erfolg hat, durch Nachverhandlungen noch viel teurer werden. Sollte "JBK" hingegen floppen, wäre das ein nicht minder großer Schaden für das Haus. Mit der Entwicklung von parallelen Talk-Konzepten könnte sich Stoltes Nachfolger deshalb rasch profilieren. Dabei könnte er auch ältere Formate wie etwa Na sowas! aufjazzen.

Problematisch für die Unterhaltung als Ganzes, besonders aber den Spielfilm, sind zunehmend teurere Auftragsproduktionen, deren jährliche Kostensteigerung bei 10 bis 15 Prozent liegt. Nur eine kluge Mischung aus Eigenproduktionen und der präzisen Sondierung des Marktes kann der Kostenexplosion Einhalt gebieten.

Ein Letztes ist das im ZDF oft angesprochene Problem des "Ein-Kanal-Korsetts": Im Vergleich zur ARD verfügt das Zweite nicht über (dritte) Experimentierkanäle oder Radiosender. Die neue ZDF-Führung muss hier ansetzen, wo die alte aufgehört hat, und neue Partnerschaften knüpfen.