Endlich ist sie da, die Chance für eine tiefgreifende Bildungsreform in Deutschland. Denn das ist die gute Nachricht zu dem Schock, den die Bildungsstudie Pisa (Programme for International Student Assessment) auslöste: Die Schulen können spürbar besser werden, wenn man sich nur hartnäckig darum bemüht. Nicht mit einem Ruck, aber in einem Zeitraum von 10 bis 15 Jahren. Das zeigen Länder wie Schweden (siehe Seite 48) oder Großbritannien, die mit guten Schülerleistungen nun die Ernte ihrer Bildungsreformen einfahren können.

Noch etwas lässt hoffen. Schulpolitiker und Pädagogen jeder Couleur können diesmal an einem Strang ziehen. Denn, so ein überraschendes Ergebnis der Untersuchung: Gerechtigkeit und Leistung, die Kampfbegriffe, an denen sich in der hiesigen Bildungsdebatte die Geister scheiden, stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Im Gegenteil: Gerade jene Länder, die in der Pisa-Studie am besten abschneiden, bieten auch den Kindern aus der Unterschicht die besten Bildungschancen.

Neue Töne bestimmen denn auch die ersten Reaktionen aus den Parteien auf die Studie. Nicht die üblichen Schuldzuweisungen sind zu hören, sondern Nachdenkliches. Gabriele Behler (SPD), die Bildungsministerin Nordrhein-Westfalens, fordert, "alles auf den Prüfstand zu stellen, vom Kindergarten bis zur Oberstufe, von der Lehrerbildung bis zur Qualität des Unterrichts". Ihre bayerische Amtskollegin Monika Hohlmeier (CSU) mahnt die Bundesländer, nun gemeinsam zu handeln, statt parteipolitisch zu taktieren. Allein, dass sich Deutschland der Überprüfung durch Pisa gestellt hat, zeugt vom neuen Mut der viel gescholtenen Kultusministerkonferenz.

Doch zunächst heißt es noch einmal mutig in die Abgründe des deutschen Bildungswesens schauen, wie sie Pisa freigelegt hat. Denn erst wenn der Leidensdruck groß genug und die Diagnose richtig gestellt ist, kann die rettende Therapie greifen.

Die Ergebnisse von Pisa für Deutschland sind niederschmetternd (siehe Grafiken auf Seite 47).

"Die dümmste Kombination"

Erstens: Deutschland liegt im Ländervergleich überall im unteren Drittel. In allen drei getesteten Bereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) ist der deutsche Durchschnittsschüler schlechter als sein internationales Pendant. In der Lesekompetenz etwa erreichen Deutschlands 15-Jährige mit 484 Punkten Rang 21 von 31 Ländern - weniger als ihre tschechischen oder spanischen Altersgenossen. Nur Länder wie Russland, Portugal oder Brasilien liegen noch dahinter. Der Abstand zu Primus Finnland (546 Punkte) ist dramatisch. "Wer 480 Punkte erreicht", erläutert Jürgen Baumert, der wissenschaftliche Leiter von Pisa-Deutschland, "der hangelt sich durch einen Text gerade so durch. Wer 540 Punkte schafft, versteht komplizierte Texte, kann Schlüsse ziehen und sie systematisch mit seinem Wissen verknüpfen."