Gelassen haben die Japaner die Pisa-Ergebnisse zur Kenntnis genommen. Dabei fährt Japan das beste Ergebnis der großen Industrienationen ein: Spitzenplatz bei den mathematischen Fähigkeiten, Platz zwei in den Naturwissenschaften und ein respektabler achter Rang bei der Lesefähigkeit. "Man hat immer gesagt, japanische Schüler seien unfähig, sich selbstständig Gedanken zu machen. Die Ergebnisse bestätigen das nicht", fasst der japanische Pisa-Koordinator Ryo Watanabe vom Nationalen Institut für Bildungsforschung zusammen.

Dennoch lässt sich manches am japanischen Schulsystem kritisieren. Denn die Pisa-Studie zeigt: Japanische Schüler lesen zu wenig - kaum überraschend im Land der Videospiele und Comics. Keine Antwort gibt Pisa dagegen auf die größte bildungspolitische Sorge der Japaner: Denn in Japan ist nur der Durchschnitt überdurchschnittlich gut; dagegen fehlt dem Land eine breite Bildungs- und Forschungselite. "Bisher hieß unsere Maxime: Die Schlechten sollen besser werden", sagt Watanabe. "Von nun an müssen wir die Besseren fördern."

Unverhohlene Freude über die Pisa-Ergebnisse herrscht in Großbritannien. Neben dem eigenen guten Abschneiden bejubelt die britische Presse vor allem, dass die Schülerinnen und Schüler im Königreich klüger sind als ihre deutschen Altersgenossen. Die Times schreibt: "Großbritannien liegt weit vor Deutschland, dessen Bildungssystem oft als Vorbild dargestellt wurde." Und der Guardian hebt hervor: "Deutschland und das Vereinigte Königreich investieren dieselbe Summe an Staatsgeldern in jeden Schüler." Etwas hämischer liest sich die Boulevardzeitung Sun: "Unsere Kinder sind die schlauesten. Insgesamt haben wir Rivalen wie Deutschland und die USA abgehängt. Die Deutschen waren so beeindruckt von Britanniens Abschneiden, dass sie jetzt unsere Lehrmethoden genauer studieren wollen." Sechzehn Prozent der britischen Schüler erreichten die höchste Leistungsgruppe - im OECD-Durchschnitt waren es nur zehn Prozent. "Sogar unsere schwächeren Schüler sind noch recht gut", sagte Bildungsministerin Estelle Morris. "Das ist eine hervorragende Nachricht."

Auffällig unauffällig sind die amerikanischen Ergebnisse der Pisa-Studie. Das Land, an dem sich deutsche Bildungsreformer neuerdings immer orientieren, ist Durchschnitt. Mittelmaß mag aus deutscher Perspektive schon erstrebenswert wirken angesichts der eigenen Ergebnisse, für den US-Bildungsminister ist das Resultat "ein Unglück". Durchschnitt zu sein, sagt Rod Paige, "reicht für amerikanische Schüler einfach nicht aus". Der Minister will nun etwas Ungewöhnliches tun und sich am Ausland orientieren.

Pisa-Resultate wie die große Diskrepanz zwischen guten und schlechten Schülern bestätigen das Bildungsgefälle innerhalb Amerikas. In fast allen Ländern hat sich gezeigt, dass Kinder wohlhabender Eltern bessere Schüler sind. Die Vereinigten Staaten liegen bei dieser Auswertung trotz der großen Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen im Mittelfeld. In Deutschland dagegen hängt Erfolg in der Schule noch stärker vom Elternhaus ab als in den USA.

Die besten Ergebnisse im deutschsprachigen Raum verbuchte Österreich. Entsprechend selbstzufrieden klangen die Wiener Reaktionen. ÖVP-Bildungsministerin Elisabeth Gehrer beschränkte sich zunächst darauf, die Lehrerinnen und Lehrer zu loben. Ein wenig Spott über den Absturz Deutschlands konnte man sich in Österreich nicht verkneifen. Am Rande einer Pressekonferenz zur Pisa-Studie wurde klargestellt, dass sich Österreich jetzt nicht in der Rolle eines Nachhilfelehrers für den großen Nachbarn sehe.

Schlusslicht in Europa ist Luxemburg: Drittletzter Platz, gerade noch vor Mexiko und Brasilien. "Die Schüler hatten nie die Möglichkeit, in ihrer Muttersprache Luxemburgisch zu antworten", sagt Raymond Straus vom Bildungsministerium des Großherzogtums. Sie hatten die Wahl zwischen Deutsch und Französisch. "Das kann aber keine Entschuldigung sein." Luxemburgs Schüler seien unfähig, erworbenes Wissen praktisch anzuwenden. Erste Konsequenzen stehen bereits fest. Nach dem Motto "Qualität vor Quantität" wollen die Luxemburger der Vermittlung von Grundwissen mehr Zeit einräumen. Leistung und Sorgfalt sollen stärker gefördert werden.