Wie kommt es, dass auf dem Innovationsindex der EU das Land Nummer eins ist, dessen Schulen bis zur achten Klasse keine Noten geben? Ist es möglich, dass im internationalen Vergleich Schüler aus einem System gut abschneiden, in dem das Gesetz verbietet, in den ersten neun Klassen nach Leistungen zu sortieren? Geht es mit rechten Dingen zu, wenn man hervorragende Mathe- und Physikleistungen in einer Oberstufe findet, die nach einer neunjährigen Gesamtschule mehr als 90 Prozent des Jahrgangs aufnimmt? Und nahezu 70 Prozent bekommen dann auch noch die Hochschulreife.

Das Land heißt Schweden. Wie schon in früheren Leistungsvergleichen schneiden seine Schüler auch bei Pisa gut ab. Die Nachbarländer glänzen ebenfalls. Finnland überragt alle. Nun rätselt man über das skandinavische Geheimnis. Aber der Erfolg ist irdisch. In diesen Ländern war der Bildungsboom gewollt. Man riskierte es, Angst aus dem System zu nehmen, investierte Vertrauen und glaubt daran, dass Menschen lernen wollen. Aus deutscher Sicht inflationär anmutende Abschlussquoten sieht man dort nicht als Bedrohung an. Lassen wir uns also von Schweden irritieren.

Ein grauer Bau. Architektur aus der Zeit, als man Schulen wie Krankenhäuser oder Finanzämter baute. Es riecht nach Mittagessen. Die Flure müssten gestrichen werden. Es gibt einladendere Schulen. Aber lieber eine ganz normale aufsuchen. Die Bäckahagens Skola, eine neunjährige Grundschule in einer glanzlosen Arbeitersiedlung am Rande von Stockholm. Vielleicht weil der Besucher nicht sehr begeistert wirkt, bekennt Inger Lempke, die Rektorin: "Wir sind stolz auf unsere Schule." Das klingt nicht hochnäsig, eher pragmatisch, auf jeden Fall souverän. Sie ist Chefin einer Schule, die sich wie alle anderen in Schweden in den vergangenen Jahren zu einem quasi eigenständigen Unternehmen entwickeln durfte - oder musste.

In Schweden steckt der Staat das Geld den Schülern sozusagen in den Tornister. Sie bringen es in die Schule, die davon alles bezahlt: Lehrergehälter, Instandhaltung der Gebäude, den Schulpsychologen, der eine volle Stelle hat, und den Arzt, der einmal die Woche kommt. "Wir können entscheiden, ob wir mehr in die Lehrerfortbildung, in die Individualisierung des Unterrichts oder in eine neue Küche investieren", sagt die Rektorin. Die Gehälter der Pädagogen können in Schweden inzwischen um bis zu 50 Prozent schwanken. Die Schulleiterin handelt sie aus. Nationale Tarifverträge mit den Gewerkschaften setzen nur noch den Rahmen. Und das alles entscheidet sie ganz allein? "Es gibt in der Schule viele Konferenzen, aber zum Schluss bin ich es, die dafür gerade steht."

Unaufgeregte Arbeitsatmosphäre

Doch die Selbstständigkeit schwedischer Schulen führt nicht zum Laissez-faire. Jährlich müssen sie der Kommune Bericht erstatten. "Wir sind keine Weisungsempfänger mehr, aber wir müssen alles verantworten," sagt Inger Lempke, die während der ersten drei Jahre ihrer Schulleitung zehn Prozent der Arbeitszeit mit einem Zusatzstudium an der Uni verbracht hat. Diese Fortbildung ist Pflicht. Im Gegensatz zu vielen deutschen Rektoren sind Schulleiter in Schweden keine Amateure.

Anders als früher sind die nationalen Lehrpläne heute kurz und bündig. 60 Seiten. Muntere Grafik und Bilder inklusive. Nur Ziele und Zeitvorgaben sind definiert. Für die neunjährige "Grundschule", eine Gesamtschule, die alle Schüler besuchen, garantiert das Gesetz jedem Schüler 6665 Stunden. Auch damit gehen Schulen wie mit einem Budget um. Sie können in einem Jahr Schwedisch zum Schwerpunkt machen und im nächsten Naturwissenschaften. Sie können Schwerpunkte in einzelnen Klassen setzen oder für die ganze Schule. Den 45-Minuten-Takt des alten Schulbetriebs haben sie häufig aufgelöst. "Wir bekommen viel Vertrauen, aber wir müssen Rechenschaft geben." Inger Lempke spricht von Evaluation, ein Wort, das in Schweden bereits zur Umgangssprache von 15-jährigen Schülern gehört.