Brüderküsse

Sie saßen wieder im großen Kuppelsaal in Königswinter auf dem Petersberg. Nach diplomatischem Gezerre nahm die Afghanistan-Konferenz gestern ein versöhnliches Ende. Gerhard Schröder lobte die Unterzeichnung als einen großen Tag für Afghanistan, und die Kommentatoren fragen sich, welche Rolle Deutschland in dem politischen Gelage gespielt hat und wie die Ergebnisse der Konferenz 7200 Kilometer Luftlinie entfernt in Afghanistan wohl umgesetzt werden. Hans Monath ist in seiner Begeisterung im "Tagesspiegel" kaum zu bremsen: In unglaublichem Tempo habe sich das Los des Landes gewendet, schreibt er: "Nur zwölf Wochen nach den Anschlägen von New York und Washington winkt den Menschen Afghanistans plötzlich eine bessere Zukunft." Etwas nüchterner betrachtet Peter Münch in der "Süddeutschen Zeitung" die Ergebnisse: "Westliches Wunschdenken und afghanische Rituale sind kunstvoll, man könnte auch sagen künstlich verschmolzen worden." Innerhalb von zwei Jahren soll der Weg über eine große Stammesversammlung zu einer Verfassung und zu freien Wahlen führen. Das klänge gut, meint Münch, sei aber derzeit nichts als Theorie. Denn es würden Welten aufeinander prallen bei der Ausrichtung Afghanistans nach demokratischen Prinzipien oder islamischem Fundamentalismus. "Und es drohen regionale Zerreißproben wegen der Ansprüche des Usbeken-Generals Raschid Dostum im nördlichen Masar-i-Scharif, des Tadschiken Ismail Khan im westlichen Herat, des Paschtunen Abdul Kadir im östlichen Dschalalabad und von wem auch immer im südlichen Kandahar. [...] In diesen Kämpfen kann auf der Strecke bleiben, was nun so wortreich beschworen wird: die Einheit Afghanistans."
Berthold Kohler verweist in der "Frankfurter Allgemeinen" darauf, dass die Afghanen zwar selber in ihre Hand nehmen müssen, dass die Staatengemeinschaft aber auch die Möglichkeiten nutzen sollte, Einfluss auf den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes zu nehmen. Dominic Johnson bezweifelt in der "tageszeitung", dass sich die Deutschen wirklich bewusst sind, was diese Unterstützung beim Wiederaufbau bedeutet. Man müsse sich im klaren sein, dass diese Truppen auch in Kampfeinsätze verwickelt wären. Nach dem Ende der Konferenz wagen es einige Kommentatoren, ein wenig stolz den Deutschen und den Europa auf die Schulter zu klopfen. Das europäische Konzept, zu dem Deutschland Wesentliches beigetragen hat, habe sich bewährt, meint Hans Monath im "Tagesspiegel". Das habe die militärischen Mittel immer nur als einen kleinen Teil einer umfassenden Anti-Terror-Strategie verstanden. Und wird dann noch einen Tick patriotischer: "Es ist auch jenseits der traditionellen engen Verbindungen beider Länder kein Zufall, dass die Konferenz der Afghanen in Deutschland stattfand. Die Berlin Politik hat gemeinsam mit den UN viel für die politische Lösung getan."

Ullas letzte Chance

Im Stakkato präsentiert die Gesundheitsministerin ihre immer neuen Reformvorschläge zum Gesundheitswesen. Gestern offenbarte sie ihre aktuelle Variante: Das Gesundheitskartell soll entmachtet werden, indem viele Aufgaben, die bisher die Ärzteorganisationen wahrgenmmen haben, auf die Krankenkassen verlagert werden. Diejenigen, die die Rechnungen bezahlen, sollen somit mehr Mitspracherechts für ihre Leistungen bekommen. Wenig Begeisterung kommt bei Dorothea Siems in der "Welt" auf. Sie hält den Solidargedanken - unnötigerweise - bereits jetzt für sehr viel ausgeprägter als in der Renten- und Arbeitslosenversicherung, wo sich die Leistungen nach den eingezahlten Beiträgen richten. "Mit der von Schmidt angestrebten Gleichmacherei ist da Kernproblem der Krankenkassen nicht zu lösen. Die Versicherten haben bisher keinerlei Anreiz, möglichst sparsam mit den medizinischen Angeboten umzugehen. Im Gegenteil: die meisten Kassenpatienten möchten aus dem System möglichst viel für die einbezahlten Beiträge herausholen." Daher müsse eine Kurskorrektur eintreten, die den Versicherten mehr Eigenverantwortung übertrage.
Ursula Weidenfeld hält die Vorschläge für nachvollziehbar. "Im Machtpoker zwischen Krankenkassen, Ärzten, Patienten, Pharmaunternehmen und Apotheken will sie die Krankenkassen stärken", schreibt Weidenfeld im "Tagesspiegel". "Damit soll Wettbewerb in das Gesundheitssystem gebracht werden, der eine bessere Versorgung der Patienten möglich macht." Mehr sei zur Zeit politisch nicht möglich. Denn nächstes Jahr sind Wahlen. Andreas Hoffmann ist sich in der "Süddeutschen Zeitung" allerdings nicht so sicher, ob Ulla Schmidt die noch als Gesundheitsministerin erleben wird. Denn die Betriebsamkeit der SPD-Politikerin habe einen Grund: Sie fürchtet um ihren Job. "Ihr bisheriger Kurs, die Ärzte bei Laune zu halten, damit sie nicht mit Propaganda im Wartezimmer den rot-grünen Wahlkampf torpedieren, ist gescheitert." Jetzt müsse sie nachlegen. Aber das sei vermutlich auch ihre letzte Chance.

Kein Witz

Wenn Stefan Raab zur Unterhaltung der deutschen Olympiatruppe zu den Winderspielen nach Salt Lake City fahren würde, wäre das noch irgendwie verständlich. Aber die "Bild" enthüllt, dass der Moderator tatsächlich plant, nächstes Jahr als Teilnehmer anzutreten - im Skilanglauf. Ist es so schlecht um die deutschen Sportler bestellt, dass sie Unterstützung von Comedy-Profis brauchen? Des Rätsels Lösung: Raab startet nicht für Deutschland, sondern für Moldawien. Der Pro7-Star ließ sich für diesen Zweck sogar einbürgern, nahm die moldawische Staatsangehörigkeit an. Harte Konkurrenz als Olympiabewerber hatte er nicht: Das Land lediglich sechs Sportler zu den Olympischen Winterspielen, und Raab ist der einzige Sportler, der beim Skilanglauf antritt.

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