Empfindsame Germanisten werden heute wieder die Stirn runzeln. Allenthalben ist der Tagespresse zu lesen, die Arbeitnehmer wollten sich einen "kräftigen Schluck aus der Lohnpulle genehmigen". Aber was ist eigentlich eine "Lohnpulle"? Opa hat seinen Lohn noch in Tüten bekommen, Papa kriegte eine Überweisung und wir leben ohnehin nur noch von Kreditkarten. "Arbeitnehmer wollen sich große Kreditkarten-Ecke abbrechen." Das klänge zeitgemäß. Dennoch ist immer wieder von der "Pulle" die Rede. Hängt es vielleicht im dem proletarischen Geschmäckle des Wortes zusammen? Oder ist die Andeutung auf Alkoholprozente ausschlaggebend? Ist Pulle vielleicht eine revolutionsheischende Alt-68er-Alliteration zu "Pullmann"? "Lohn-Pullmann: Beamte wollen 30 Prozent in Karaffen." Das wäre mal was. Aber die Wirtschaftsjournalisten, die sich beim Internetbanking mit schnieken Euro-Weinen belohnen, lassen sich nichts einfallen. Es ist zum Auswachsen.

"IG Metall setzt ‚7' als Tarifsignal", schreibt die "Frankfurter Rundschau", "IG Metall will bis zu sieben Prozent mehr Lohn", verdeutscht die "Süddeutsche Zeitung" und mit ihr fast wortgleich die "Welt". Auch das Handelsblatt macht lohnpullig auf, deutet aber wenigstens an, wer von der Schluckerei einen schweren Schädel bekommt: "IG-Metall-Forderung erschwert schnellen Zinsschritt der EBZ". Die "tageszeitung" und der "Tagesspiegel" berichten in ihren Leitartikeln, dass die Bundesregierung 600 Soldaten für UN-Schutztruppe in Afghanistan stellen will, die "Frankfurter Allgemeine" informiert über die jüngsten diplomatischen Bemühungen in Nahost: "Mahnungen der EU an Arafat und Israel / Solana reist in den nahen Osten." Auch die "Bild"-Zeitung hat heute etwas Interessantes auf dem Titelblatt. Im "TV-Tipp" rechts unter dem Seitenbruch ist zu lesen, dass Kuscheltalker Biolek heute Elisabeth Mann-Borghese zu Gast habe, die Tochter von Armin Müller-Stahl und Gründerin der ARD-Fernsehfamilie "Diese Mann-Stahl-Borghese-Müllers". Prost auch.

Lohn oder Fron

Wenn eine Gewerkschaft schon den Begriff "Metal" im Namen trägt, sind von ihr auch hardrockige Tarifansagen zu erwarten. Sieben Prozent Lohnerhöhung will Frontmann Zwickel bei den Verhandlungen durchsetzen. Die Kommentatoren sind darüber, je nach politischer Couleur und wirtschaftstheoretischer Auffassung, wahlweise entsetzt oder erfreut. "Wer in dieser konjunkturellen Situation die Lohnzahl ‚Sieben' auch nur in den Mund nimmt, der gibt zu erkennen, daß er ein Ziel verfolgt, das wohl außerhalb der Ökonomie gesucht werden muß", tobt der Kommentator der "Frankfurter Allgemeinen". "Denn so verbohrt und so ignorant kann niemand sein, daß er ernsthaft behaupten wolle, eine solche Lohnforderung stehe in irgendeiner nachvollziehbaren Verbindung zu dem, was nun zu tun ist: die Chancen für den nächsten Aufschwung zu pflegen, den Freisetzungsdruck am Arbeitsmarkt zu mildern, Deutschland vom Ende der Statistiken des wirtschaftlichen Leistungsvergleichs wegzubringen." Auch Alfons Freese, Kommentator des Tagesspiegels, glaubt, dass die Forderung weit überzogen ist. Grund sei die Flächenwirkung. "Hier liegt der Kern des Problems im deutschen Tarifsystem: Die IG Metall als die stärkste Gewerkschaft marschiert voran und erzwingt einen ordentlichen Abschluss, den die Betriebe in Bayern ebenso zahlen müssen wie die Buden in Mecklenburg-Vorpommern. Dann kommen die anderen Branchen inklusive öffentlicher Dienst und schließen mehr oder weniger nach dem Vorbild der IG-Metall ab. Das ist Wahnsinn."

Ganz anders vernimmt sich Christoph Schmitz, der in der "Bild" heute den Robin Hood gibt: "Die Arbeitnehmer haben nach jahrelanger Lohnzurückhaltung endlich einen Schluck aus der Pulle verdient! Wer mehr Geld hat, kann auch mehr Geld ausgeben. Autos kaufen keine Autos. Die Arbeitgeber jedenfalls sind den Nachweis schuldig geblieben, dass Lohnverzicht mehr Arbeitsplätze schafft. Gelegenheit dazu bestand reichlich." Ein Verlierer des Tarifpokers steht übrigens jetzt schon fest: Kanzler Gerhard Schröder.

Intrigantenstadl Union

"Angesichts der Probleme der rot-grünen Regierung wittert die CDU zum ersten Mal seit langem wieder Morgenluft", schreibt Robert Birnbaum im Titelkommentar des "Tagesspiegel". "Ist nicht das Rennen 2002 unentschiedener, als man das bis vor kurzem geglaubt hatte? All jene, die sich auf einen aussichtslosen Pro-Forma-Wahlkampf eingerichtet hatten, sehen plötzlich eine offene Auseinandersetzung vor sich, in der es um Wirtschaftskompetenz, Arbeitsplätze, Sicherheit in einer unsicheren Welt gehen könnte."