Wie schnell man sich in einer Schlagzeile missverständlich ausdrücken kann, beweist heute die "Frankfurter Rundschau". Während sich der "Tagesspiegel" mit der Überschrift "Karlsruhe stärkt den Religionsunterricht" noch klar ausdrückt, schießen die Hessen mit: "Karlsruhe wertet Religion auf" ein wenig übers Ziel hinaus. Naja, den Papst wird die Überschrift freuen.
Alle anderen Zeitungen beschäftigen sich mit dem Ende der Taliban in Afghanistan. "Der Bart ist ab", titelt die "tageszeitung" keck, während die "Süddeutsche Zeitung" etwas trockener mit: "Bin Ladens Kämpfer geben Tora Bora auf" kontert. Wie üblich etwas langatmig aber informativ ist die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" mit ihrem Aufmacher: "Al-Qaida Kämpfer auf der Flucht. Erbitterte Kämpfe um Bergfestung Tora Bora". Die "Welt" schließlich berichtet: "Bundeswehr soll in Kandahar stationiert werden".


Die Bundeswehr nach Kandahar?

Was wohl Osama Bin Laden zurzeit macht? Ist er schon längst von seinen Helfern nach Pakistan geschafft worden, oder sitzt er tatsächlich eingeschlossen in seiner Bergfestung und wartet? Das Thema scheint nur noch die Amerikaner zu interessieren, die weiterhin die entlegene Region Tora Bora bombardieren und offenbar davon überzeugt sind, dass Bin Laden noch bei seinen Kämpfern weilt. Die Europäer und die UN kümmern sich derweil schon darum, wie die Petersberger Beschlüsse umgesetzt werden können und wer die Führung über die Friedenstruppe in Afghanistan bekommen soll. Auch Deutschland ist im Rennen, wenn es um die Besetzung des militärischen Oberkommandos der UN-Truppen geht. Dabei bekommt die "tageszeitung" schon bei dem Gedanken an UN-Truppen in Kabul Bauchschmerzen: " Was wollen 3.000 UN-Soldaten in Kabul vor diesem Hintergrund ausrichten? Binnen kürzester Zeit werden sie zur Konfliktpartei mutieren, und sei es auch nur deshalb, weil all jene, die an der Macht in der Hauptstadt nicht beteiligt sind, in ihnen Verbündete der Herrschenden sehen." In der Tat muss man sich fragen, wie Frieden in das zerrüttete Land einkehren soll, das eher von Clanchefs als von einer Regierung beherrscht wird. Die "Welt" ist ob der Mission auch skeptisch und spricht in einem Kommentar davon, dass "(...) ein krachendes Scheitern jedoch (...) alles andere als ausgeschlossen (...)" sei. Dennoch will der Kommentator auch positives sehen, sollte sich Deutschland entschließen, sich zu beteiligen. "Für einen Anteil oder gar die Führung der UNO-Truppe kam Berlin beinahe wie selbstverständlich infrage, und das ist neu. Deutschland wird sich ganz anders an Debatten um internationale Polizeiaktionen gewöhnen müssen, weil dies das Land nun viel direkter betreffen kann."

Das Wort Führungsanspruch kommt einem da in den Sinn, und irgendwie mag es nicht recht zu der militärischen Selbstdarstellung der Bundesrepublik passen. Und die Konkurrenz schläft auch nicht, denn England, ohnehin mit Truppen im Nahen Osten stark vertreten, sieht sich in der Rolle der afghanischen Schutzmacht, wie die "Süddeutsche Zeitung" bemerkt. Gleichzeitig finden die Münchner, dass die Engländer weitaus besser in der Lage wären, diese Aufgabe zu übernehmen. "Anders als die Bundeswehr haben die Streitkräfte auf der Insel nicht nur die für solche Einsätze erforderliche Struktur, sondern auch die notwendige Erfahrung. (...) Hinzu kommt, dass die Briten noch am ehesten in die Kommandostruktur der Amerikaner eingebunden sind, so dass sich die Friedenstruppe unter ihrem Kommando unschwer mit den US- Kampftruppen koordinieren ließe." Es fällt einem auch schwer sich vorzustellen, wie Verteidigungsminister Scharping die Truppen nach Kandahar führen will. Diese Vision hält die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" für durchaus wünschenswert: "Die Bundesregierung hält sich viel darauf zugute, dass sie ihrer weltpolitischen Verantwortung in diesen Monaten gerecht geworden sei, und auch künftig gerecht werden wolle. Aber wenn es ernst wird, droht entweder eine Koalitionskrise oder der Offenbarungseid der Bundeswehr. So belastbar ist Deutschland, außer als Konferenzveranstalter, offenbar doch nicht. Es wird Zeit, dass sich das ändert", fordert die Zeitung.


LER-Stoff

Es mag ja zweckmäßig sein, wenn man ein Fach das Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde heisst, mit LER abkürzt, aber merkwürdig klingt es schon. Leer sollten wohl auch die Klassenzimmer beim Religionsunterricht bleiben, wenn es nach dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Stolpe hätte gehen sollen. Doch der Reihe nach. Die "Süddeutsche Zeitung" fasst die Ereignisse im Streit zwischen dem Land Brandenburg und der Kirche der letzten zehn Jahre zusammen. "Zuerst war LER gemeinsam mit den Kirchen entwickelt worden, für ein Land mit nur noch 20 Prozent Christen. Streit gab es, als klar wurde, dass Religion nur noch ein Ersatzfach sein und der Staat entscheiden sollte, was in LER über die Kirchen gesagt wird. Ein Verstoß gegen das Grundgesetz, monierten die Kirchen. Brandenburg konterte, die Verfassung erlaube die Ausnahme - wie in Bremen oder Berlin" Letztlich bleibt nach dem langen Streit vieles so wie es wahr. Religion bleibt ein Unterrichtsfach, aber die Schüler können sich leichter von dem Fach abmelden, wenn es ihnen beliebt. Die "Süddeutsche Zeitung" jubiliert dann auch: "Der Religionsunterricht hat seinen Platz in der Schule, als Teil der öffentlichen Erziehung, der staatlich gewünschten Wissensvermittlung - auch das macht der Karlsruher Vermittlungsvorschlag deutlich. Weil er das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft schult (...)".
Diese Position mag die "Frankfurter Rundschau" nicht beziehen. "Das gesellschaftliche Problem liegt tief: Wo die Kirchen keine Volkskirchen mehr sind und nicht mehr ausreichend religiöse Kompetenz vermitteln, entsteht eine Versorgungslücke. Doch der Staat darf in diese Lücke nicht hineinspringen, die die Kirchen hinterlassen. Denn was wäre gewonnen, wenn der Staat bestimmen dürfte, was die Menschen glauben sollen."


Wo gefeiert wird, da fallen Späne