die zeit: Herr Heller, Herr Papas, seit dem 21. September sind die Aktienkurse weltweit rasant gestiegen. Gleichzeitig melden die Unternehmen nur schlechte Zahlen. Übertreibt die Börse schon wieder?

Gottfried Heller: Nein. Was wir sehen, ist eine ganz klassische Börsenbewegung. Die Spitze der Hausse war ja im März 2000, seitdem ist es abwärts gegangen. Dann kam der Terroranschlag. Er hat eine regelrechte Verkaufspanik ausgelöst, die meist am Ende einer Baisse kommt, wenn bei sehr hohen Umsätzen die Aktien auf den Markt geschmissen werden. Mein Freund Kostolany sagte immer, die Zittrigen verabschieden sich von den Aktien - entweder weil sie schlechte Nerven haben oder weil sie ihre Aktien auf Kredit gekauft haben. Die Börse drehte, weil die US-Zinsen noch einmal um anderthalb Prozentpunkte gesunken sind und weil die US-Regierung ein riesiges Konjunkturpaket angeschoben hat. Das war der Nährboden für eine rasante Aufwärtsbewegung.

Wassili Papas: Allerdings erleben wir auch ein Phänomen, was es vor drei oder fünf Jahren noch nicht so gab: die größere Bedeutung der Hedge Funds, die dank massiver Liquidität den Markt in kurzer Zeit in beide Richtungen bewegen können. Ich vermute sehr stark, und das sagen mir auch Marktbeobachter, das Hedge Funds gerade in der Phase der zittrigen Hände angefangen haben, Aktien zu kaufen. Das hat die anderen Marktteilnehmer, die Publikumsfonds, Versicherungen und Pensionskassen, völlig überrascht: Fundamental verschlechterte sich die Lage ja weiter. Der plötzliche Kursanstieg hat alle Marktteilnehmer gezwungen, schnell einzusteigen, um nichts zu verpassen. Also sind die Kurse noch rasanter gestiegen, und das in einer Phase, in der wir noch gar nicht alle schlechten Fundamentaldaten aus den Branchen gesehen haben. Das beunruhigt mich schon.

Heller: Die Börse nimmt die wirtschaftliche Erholung vorweg.

Papas: Wenn sich aber ein Wert wie T-Online verdreifacht, und das bei einem für das Jahr 2009 erwarteten KGV von 30, dann sind kurzfristig orientierte Akteure am Handeln, die sich nicht für fundamentale Daten interessieren. Sie kaufen und verkaufen, unabhängig davon, ob das Unternehmen jemals Profit erzielen wird oder ob das Geschäftsmodell funktioniert.

zeit: Also sind Zocker am Werk?

Papas: Es sind institutionelle Anleger, die mit hohem Risikobewusstsein handeln und genau kalkulieren. Sie kaufen T-Online nicht, weil sie glauben, das Unternehmen sei unterbewertet, sondern weil sie glauben, dass sie jemand finden, dem sie die Aktie höher verkaufen können.