Seines Bruders Hüter – Seite 1

Er hat sich oft überlegt, seinen Namen zu ändern. Als David Smith oder David Miller hätte ihn keiner mehr erkannt, und mit einer Million Dollar hätte er irgendwo in den USA neu anfangen können. Doch das Geld hat er nicht behalten, wohl aber seinen Namen. "Guten Tag, ich bin David Kaczynski", und wenn jetzt gleich wieder einer stutzt und fragt: "Kaczynski? Das ist doch der ...", dann sagt er ganz freundlich: "Sie meinen den Unabomber. Das ist mein Bruder."

Ted, der ältere, heute 59 Jahre alt. Mathematisches Genie, Paranoiker, Einsiedler und Absender von 16 Briefbomben in seinem persönlichen Krieg gegen die "Herrschaft der Technologie". Drei Menschen hat er getötet, 22 zum Teil schwer verletzt. Studenten, Genforscher, Computerwissenschaftler. Für das FBI war er 18 Jahre lang nur ein Phantom mit dem Codenamen "Unabomber", auf dessen Ergreifung eine Million Dollar Belohnung ausgesetzt waren. Am Ende kam ihm David auf die Spur. David, mit 52 der Jüngere, ein sanfter Grübler, Sturkopf, mal Busfahrer, mal Fabrikarbeiter, mal Lehrer und Sozialarbeiter, offenherzig bis zur Naivität und einst voller Bewunderung für Ted, für dessen Intelligenz und Radikalität. David lieferte Ted dem FBI aus und wäre beinahe Zeuge seiner Hinrichtung geworden.

Seitdem haftet an ihm der Titel "Bruder eines Terroristen" wie eine Berufsbezeichnung. So kann man natürlich nicht abtauchen und neu anfangen. So gerät man in immer neue Geschichten um Gewalt, Rache und Vergeltung - erst recht seit dem 11. September, seit der Serie von Anthrax-Anschlägen, deren Urheber nach Ansicht des FBI wieder ein "männlicher Einzelgänger mit wissenschaftlichen Kenntnissen ist". Kontaktunfähig und getrieben von einem lang angestauten Hass auf diese Gesellschaft. "Mister Kaczynski", fragen jetzt Fernsehreporter und halten ihm das Mikrofon ins Gesicht. "Angenommen, irgendwo im Land sitzt jemand und hat den Verdacht, sein Bruder könnte der Anthrax-Terrorist sein. Was raten Sie ihm?"

Was rät man einem, der womöglich wählen muss zwischen dem Leben eines Bruders und dem Leben weiterer Opfer?

Er hatte ihn an seiner Sprache erkannt. Am 19. September 1995 brüteten David und seine Frau Linda über der Ausgabe der New York Times , die an diesem Tag zusammen mit der Washington Post etwas Einmaliges, etwas Unerhörtes getan hatte: Auf Drängen des FBI war in beiden Zeitungen das Manifest des Unabombers erschienen, acht eng bedruckte Zeitungsseiten mit 232 nummerierten Absätzen und 36 Fußnoten - eine Mischung aus Seminarabeit und Maschinenstürmer-Pamphlet. Im Fall einer Veröffentlichung, so hatte der Unabomber angekündigt, würde er keine weitere Gewalt mehr anwenden.

Reporter trommeln an die Scheiben: "Wie fühlen Sie sich?"

Linda war es, die schon Wochen vorher Verdacht geschöpft hatte: "Radikaler Technologiefeind" stand im Täterprofil des FBI und in den Zeitungen, "wahrscheinlich im Raum Chicago geboren, sehr geschickt im Umgang mit Holz". Linda kannte Ted nur aus Erzählungen. Erzählungen über einen hochintelligenten Mann mit Verfolgungswahn, der als Junge in der Heimatstadt Chicago einzig die Nähe seines sieben Jahre jüngeren Bruders suchte und sich ansonsten mit mathematischen Formeln oder Holzschnitzereien beschäftigte. Einer, der mit 27 Jahren seine Karriere als Mathematikprofessor hinwarf, in eine abgelegene Holzhütte nach Montana zog und die Familie mit wütenden Briefen über Umweltzerstörung und die Macht der Technik über den Menschen traktierte. Der Unabomber, sagte Linda, klingt wie Ted.

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"Völlig ausgeschlossen", sagte David. Aber er musste ihr versprechen, das Manifest zu lesen. An diesem Septembertag brütete er über der New York Times, und immer mehr Worte und Formulierungen kamen ihm vertraut vor, grausam vertraut. "Es war, als würde jemand seine innere Landschaft beschreiben. Und ich kannte diese Landschaft." Wie verrät man den eigenen Bruder an das FBI mit seinen martialischen Spezialkommandos und Scharfschützen? Wie verrät man den eigenen Bruder an den Staat mit seinen Todestrakten? Keine Gewalt bei der Festnahme? Das kann das FBI nicht garantieren. Kein Todesurteil gegen einen Bombenattenäter? Der Ankläger im Bundesjustizministerium versprach lediglich, Ted Kaczynski psychiatrisch untersuchen zu lassen. Zugesichert wurde David nur eines: Niemand würde erfahren, woher der entscheidende Hinweis zur Festnahme des "Unabombers" gekommen war.

Am 3. April 1996 sah David Kaczynski Ted nach über sechs Jahren wieder. Im Fernsehen. Ein abgemagerter, bärtiger Waldschrat in Handschellen und zerrissenen Kleidern wurde abgeführt. In der Hütte entschärfte das FBI die nächste Briefbombe. "Der entscheidende Tipp zur Ergreifung", sagte der Nachrichtensprecher, "kam vom Bruder."

Ein paar Stunden später stand dessen Haus im grellen Licht der Kamerascheinwerfer. Tag und Nacht klingelte das Telefon, Reporter kampierten in seinem Garten, schoben Kamerobjektive durch Fensterspalten, trommelten an die Scheiben, brüllten Fragen vor der verschlossenen Tür. "Wie fühlen Sie sich? Was werden Sie tun, falls Ihr Bruder zum Tode verurteilt wird?"

Man wundert sich, warum er sich heute überhaupt noch mit der Journalisten-Zunft abgibt. Mehr noch, warum er sich als "Bruder des Unabombers" wie die Attraktion eines Raritätenkabinetts von einer Veranstaltung zur nächsten reichen lässt. Neulich hat er einer Kirchengemeinde in New York erklärt, dass die Todesstrafe auch gegen einen wie Osama bin Laden nicht zu rechtfertigen sei. Das ist keine populäre Ansicht in diesem Land, schon gar nicht in diesen Tagen, aber von ihm lassen sich die Leute so etwas sagen. Wer seinen Bruder beinahe dem Henker übergeben hätte, darf so reden.

David Kaczynski ist kein begnadeter Redner. Er spricht langsam, mit vielen Pausen, als würde ihn die Finalität des Gesagten stören. Überhaupt wirkt er so groß, blond, blass und tapsig nicht sehr kämpferisch. Jedenfalls nicht wie einer, der nach diesem 3. April 1996 das Leben seiner Bruders verteidigen musste. Das Bundesjustizministerium beantragte als Anklagebehörde im Fall Vereinigte Staaten von Amerika gegen Theodore John Kaczynski die Todesstrafe. Die Familien der Opfer forderten es. Einige zumindest. Die öffentliche Meinung wollte es. So schien es zumindest.

David reiste nach Washington, nahm Platz vor einem Ausschuss des Justizministeriums. Ted sei krank, es gebe begründete Hinweise auf paranoide Schizophrenie, er habe auf Gerechtigkeit gehofft für seinen Bruder, auf Hilfe, nicht auf Rache. Die Ausschussmitglieder schwiegen. Kein Augenkontakt, keine Regung in ihren Gesichtern. Die Entscheidung war gefallen. Seitdem, sagt David Kaczynski, wisse er, was es heißt, gegen eine Mauer zu reden.

Am Ende ist es nicht so weit gekommen. Deswegen antwortet er nicht mehr auf die Frage: Was wäre gewesen, wenn... ja, wenn er irgendwann als Zeuge die Hinrichtung seines Bruders mitangesehen hätte.

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Drei Monate nach Prozessbeginn, im Januar 1998, gab die Staatsanwaltschaft nach. Die viel zitierte öffentliche Meinung hatte sich auf Davids Seite geschlagen. Leitartikel in der New York Times, lange Features im Fernsehen, Auftritte in Talkshows. Das Leiden des Bruders hatte die Monstrosität des Unabombers verdrängt. Warum die Familie auch noch dafür bestrafen, dass sie "das Richtige getan hat?". Plötzlich zählten die Gutachten, die bei Ted Kaczynski paranoide Schizophrenie diagnostizierten. Verteidiger und Ankläger einigten sich auf eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Chance auf Straferlass.

Das FBI verabschiedete sich aus Davids Leben per Federal Express mit einem Scheck über eine Million Dollar. Das war das Kopfgeld für Ted. "Blutgeld", sagt David. Er gab es an die Opfer seines Bruders weiter, bat sie in Briefen noch einmal um Verzeihung, dann, endlich, versackte er in eine wochenlange tiefe Depression. Nicht mehr weinen, nicht mehr fürchten, nicht mehr fühlen. An diesem Punkt hätte er den Schlussstrich ziehen können. Zurück in ein normales Leben ohne Schicksalsentscheidungen, ohne neue Tragödien, zurück zu einem Acht-Stunden-Job und den schönen Dingen im Leben: Baseball, Country-Musik, "außerdem mag ich Rilke und Heidegger".

Stattdessen hat er sich als Direktor der "New Yorker gegen die Todesstrafe" anheuern lassen. Wobei man sagen muss, dass der Direktor in diesem Fall auch die einzige Bürokraft ist.

Stattdessen freundet er sich mit Leuten an, denen die Gewalt ebenfalls ein Stück Seele verbrannt hat. Mit dem Ehepaar Salvi aus Massachussetts, dessen Sohn, ein militanter Abtreibungsgegner, zwei Mitarbeiter einer Frauenklinik erschoss und im Gefängnis Selbstmord beging. Mit Mark Klaas, dessen zwölfjährige Tochter von einem vorbestraften Sexualverbrecher ermordet wurde. Kaczynski und Klaas treten inzwischen zu öffentlichen Streitgesprächen über die Todesstrafe an: Der Bruder eines Mörders gegen den Vater eines Mordopfers - das sorgt für volle Säle. Dass dabei jedes Mal die emotionale Entblößung von ihm verlangt wird, nimmt David Kaczynski in Kauf. Das ist der Preis für den Zuspruch und das Mitgefühl des Publikums, das er braucht und auch bekommt.

Teds lebenslängliche Haft ist der Schatten auf Davids Leben

Dann ist unter den neuen Freunden noch Bill Babbitt aus Kalifornien, der ihn im März 1999 um Hilfe bat, als schon alles zu spät war. Auch Bill hatte seinen Bruder der Polizei übergeben. Manny, der mit einem Granatsplitter im Kopf aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrt war, der sich mit Drogen voll pumpte, den sein kaputtes Hirn immer wieder in die Schlacht um Khe Sanh zurückkatapultierte, der in diesem Wahn eines Tages eine alte Frau brutal zusammschlug, die kurz darauf an Herzversagen starb. Bill fand es heraus, ging zur Polizei. "Keine Sorge", sagten sie dort, "so einer kommt nicht in den Todestrakt. Den schicken wir in die psychiatrische Anstalt." Manny Babbitts Pflichtverteidiger war ein stadtbekannter Alkoholiker, der nach drei Wodkas das Todesurteil von zwölf weißen Geschworenen gegen seinen schwarzen Mandanten recht gelassen zur Kenntnis nahm. Als David Kaczynski in Kalifornien eintraf, konnte nur noch eine Begnadigung Manny Babbitt retten.

Zusammen mit Kaczynski klapperte Bill die Talkshows ab, bettelte um das Leben seines Bruders. Kaczynski trat vor dem Gnadenausschuss des Staates Kalifornien auf und erlebte ein Déjà-vu: Kein Augenkontakt, keine Reaktion, "einige wirkten betont gelangweilt". Manny Babbitt wurde am 4. Mai 1999 exekutiert, sein Bruder sah zu. Ein paar Tage später standen David und Linda auf dem Friedhof, als Mannys Mutter am Grab zusammenbrach. Für ein paar Sekunden hatte David Kaczynski wieder seinen alten Albtraum vor Augen.

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"Wissen Sie, warum mein Bruder noch am Leben ist?", fragt er. "Weil wir Weiße sind, weil wir zur Mittelschicht gehören und sich die besten Verteidiger des Landes für Teds Fall interessiert haben. Und weil die Geschichte des mysteriösen Unabombers und seines Bruders für die Presse so reizvoll war." Viel reizvoller jedenfalls als die des Bruders eines Vietnamveteranen, der, streng genommen, noch nicht einmal ein Mörder war. Nur ein psychisches Wrack.

"Mister Kaczynski, vielleicht sitzt irgendwo im Land jemand und hat den Verdacht, sein Bruder könnte der Anthrax-Attentäter sein. Was raten Sie ihm?"

"Ich rate ihm, unschuldiges Leben zu schützen. Und dann wünsche ich seinem Bruder, dass ihm Gerechtigkeit, nicht Rache wiederfährt." Oder wenigstens Gnade.

Ted Kaczynski hat seit seiner Festnahme kein Wort mit David gewechselt und sich jeden Kontakt verbeten. Der Jüngere schreibt ihm trotzdem. Er kann nur hoffen, dass der Ältere etwas Würde behalten kann in diesem Gefängnis, das er nie mehr verlassen wird. Das ist der Schatten auf David Kaczynskis Leben. Er war der Hüter seines Bruders - "und ganz frei werde ich mich auch nie mehr fühlen".