Die Grundaussage ist geblieben: Die Wehrmacht hat sich an Verbrechen beteiligt, in denen - wie es auf der Einführungstafel heißt - "die Dimensionen eines in seiner Gewaltdynamik beispiellosen Vernichtungskrieges zum Ausdruck kommen". Ansonsten aber zeigt das, was über drei Etagen im neuen Berliner Kulturzentrum Kunst-Werke präsentiert wird, mit der alten Ausstellung kaum noch Ähnlichkeit. Zunächst stößt der Besucher auf zwei weit in den Raum hineinragende Stellwände: Auf der einen wird das damals geltende Kriegs- und Völkerrecht dokumentiert, auf der anderen die verbrecherischen Befehle der Generalität vom Mai und Juni 1941, die bereits vor Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion die völkerrechtlichen Regelungen außer Kraft setzten.

Damit sind die Rahmenbedingungen fixiert: Nicht mehr nach Großschauplätzen (Serbien, Weißrussland, der Weg der 6. Armee) gliedert sich die neue Ausstellung, sondern nach thematischen Fragen. Neben dem Völkermord an den sowjetischen Juden, den Exzessen des "Partisanenkriegs", den Repressalien und Geiselerschießungen werden Aspekte einbezogen, die in der ersten Ausstellung noch weitgehend ausgespart waren: das Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen, der "Ernährungskrieg", also die wirtschaftliche Ausplünderung der besetzten Gebiete, und schließlich die Deportation von Zwangsarbeitern. Unverkennbar nimmt die zweite Ausstellung hier neuere Forschungsergebnisse auf, und sie bestätigt eindrucksvoll den Befund: Je genauer man hinsieht, desto düsterer wird das Bild.

Diese Erkenntnis erschließt sich freilich nur dem, der viel Zeit mitbringt. Denn die neue Ausstellung setzt nicht mehr auf die Suggestivkraft der Bilder, sondern auf die aufklärerische Wirkung der Texte. In jeder Abteilung kann man sich zunächst in "Sitzvitrinen" über Kopfhörer und durch Lektüre mit Schlüsselinformationen vertraut machen. Die Stellwände zeigen dann exemplarisch ausgewählte Tatorte. Auch hier überwiegt der Anteil der Dokumente, ergänzt um Täteraussagen in Nachkriegsprozessen, die über Monitore abgerufen werden können. Fotos sind eher rar. Wo es die geringsten Unsicherheiten der Überlieferung gibt, wird dies ausdrücklich vermerkt. Der behutsame, methodisch reflektierte Umgang mit dem Bildmaterial - vorbildlich vorgeführt am Beispiel der umstrittenen Tarnopol-Serie - ist die wichtigste Konsequenz, die die neue Ausstellung aus dem Scheitern der alten gezogen hat.

Auch sonst hat das junge Ausstellungsteam um Ulrike Jureit aus den Fehlern gelernt. Der anklägerische Gestus ist verschwunden; auf plakative Stilmittel wird ganz verzichtet. Der Eindruck strenger, fast unterkühlter Sachlichkeit wird durch das Ausstellungsdesign unterstrichen: Alles ist, wie in einem Forschungslabor, in weißer Farbe gehalten - die Stellwände, die Vitrinen, die aufgereihten Holzstühle. Nichts soll vom konzentrierten Lesen und Betrachten ablenken.

An die Stelle der groben Skizze ist das angestrengte Bemühen um Differenzierung getreten. Die verschiedenen Formen der Beteiligung von Wehrmachtseinheiten an Verbrechen werden klar benannt und anschaulich gemacht, ebenso die Mechanismen, die zur Entgrenzung der Gewalt beigetragen haben. Die Entdeckung der NKWD-Morde im Sommer 1941 stellt in diesem Zusammenhang nur ein, allerdings nicht mehr verschwiegenes, Element dar. Vor allem aber wird gezeigt, dass es Möglichkeiten gab, sich dem System von Befehl und Gehorsam zu entziehen. Ein durch Vorhänge deutlich abgegrenzter Bereich "Handlungsspielräume" ist das Herzstück der Ausstellung. Hier kann man einer Frauenstimme aus einem Lautsprecher lauschen, die acht Geschichten von Wehrmachtsangehörigen erzählt. Darin wird die ganze Spannweite individueller Verantwortlichkeiten und Entscheidungen entfaltet - von der übereifrigen Erfüllung eines Mordbefehls bis hin zu Verweigerung und Desertion.

Eines macht das ebenso ambitionierte wie aufwändige Projekt allerdings auch deutlich: Ohne seinen Vorläufer wäre es in dieser Form nicht denkbar gewesen. Erst der zuletzt viel gescholtene alte Ausstellungsleiter Hannes Heer und seine Mitarbeiter haben eine Bresche in die Mauer des Beschweigens und Beschönigens geschlagen und jenen Lernprozess in Gang gesetzt, dessen Resultate jetzt zu besichtigen sind. Und so ist es richtig, dass am Ende des Rundgangs in der Abteilung "Nachkriegszeit" auch der Streit um die alte Ausstellung dokumentiert wird. Hier kann man sich unter anderem Ausschnitte aus der legendären Bundestagsdebatte vom März 1997 ansehen - eine Sternstunde des deutschen Parlaments.

Lange verdrängte Emotionen, wie sie damals aufgewühlt wurden, wird die neue Ausstellung nicht mehr auslösen. Und zwar nicht nur deshalb, weil ihr präziser analytischer Zugriff kaum Angriffsflächen bietet, sondern auch, weil ihre Grundthese inzwischen weithin akzeptiert ist. Ob damit, wie bereits gemutmaßt wurde, eine neue Phase deutscher Geschichtspolitik eingeläutet wird, in der die erregten Kontroversen um die NS-Vergangenheit durch ein konsensstiftendes historisches Narrativ abgelöst werden, bleibt erst noch abzuwarten.