Hessam Tabatabai war überrascht, als er in Afghanistans Hauptstadt Kabul Ansprechpartner suchte. In den Ministerien traf er auf Mitarbeiter, die dort entweder bis vor kurzem als Taliban - zuvor mit langem Bart und Turban, inzwischen frisch rasiert - gearbeitet hatten oder die 1996 bei der Machtübernahme der islamischen Fundamentalisten vertrieben wurden und jetzt zurückgekehrt sind. Tabatabai fand Gesprächspartner, "die sehr viele Informationen und auch sehr gute Ideen haben und gern mit anpacken möchten".

Der studierte Agrarökonom ist Entwicklungshelfer. Seit fast 18 Jahren arbeitet der gebürtige Iraner für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die in der Praxis die Projekte für das Berliner Entwicklungshilfeministerium abwickelt. Jetzt leitete er die GTZ-Mission, die im Auftrag des Ministeriums herausfinden sollte, wie den Afghanen nach der Vertreibung der Taliban beim Wiederaufbau des Landes am besten geholfen werden kann.

Dabei geht es nicht nur um akute Nothilfe - die Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, befürchtet, dass im bevorstehenden Winter 100 000 Kinder sterben könnten -, sondern auch um mittel- und langfristige Vorhaben. 22 Jahre Krieg, Bürgerkrieg und zuletzt auch noch eine dreijährige Dürre haben das Land, das schon vorher zu den ärmsten der Welt zählte, geschunden. Die wirtschaftliche und soziale Infrastruktur sind nahezu völlig zerstört.

Es gibt keine verlässliche Statistik über Afghanistan. Selbst die Angaben über die durchschnittliche Lebenserwartung gehen auseinander: Die Weltbank schätzt sie auf etwa 41 Jahre, der amerikanische Geheimdienst CIA dagegen auf gut 46 Jahre. Alle Experten gehen jedoch davon aus, dass die Wirtschaftsleistung in den vergangenen beiden Jahrzehnten erheblich geschrumpft ist - nicht zuletzt, weil vier der 27 Millionen Afghanen geflohen sind, häufig gerade gut Ausgebildete; weitere 1,5 Millionen gelten im Lande selbst als Vertriebene.

Ausgerechnet Opium wurde zu einer der wichtigsten Einnahmequellen der Landbevölkerung. 1999 überholte Afghanistan sogar Burma als weltgrößten Opiumlieferant. Und als die Taliban den Anbau von Schlafmohn verboten, vergrößerten sie noch das Elend der Bauern, weil sie es versäumten, für Ersatzproduktion und -verdienstmöglichkeiten zu sorgen.

Doch seit die Amerikaner auf der Jagd nach dem Terroristen Osama bin Laden die Taliban-Hochburgen bombardieren, gibt es eine Welle von Hilfszusagen für die Nach-Taliban-Ära. "Afghanistan hat seine 15 Minuten in der Sonne der internationalen Geber", erklärt Mark Malloch Brown, Chef des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP). Vor zwei Wochen trafen sich in Washington die Abgesandten der potenziellen Geberländer. In der vergangenen Woche fand parallel zur politischen Konferenz auf dem Petersberg im pakistanischen Islamabad eine Konferenz mit rund 350 Teilnehmern statt, auf der Vertreter von Regierungen aus Industrieländern, von Weltbank, Asiatischer Entwicklungsbank, UN- und Nichtregierungsorganisationen gemeinsam mit Afghanen zum ersten Mal konkrete Felder für Entwicklungsprojekte absteckten. Im Januar wollen die Außen- und Finanzminister der 22 wichtigsten Geberländer in Tokyo die Finanzierung klären.

Noch ist unsicher, wie viel der Wiederaufbau Afghanistans überhaupt kosten wird, der voll vom Ausland finanziert werden muss. Ihre ersten Schätzungen von ein bis zwei Milliarden Dollar jährlich hält die Weltbank, die sich auf Erfahrungen im Libanon, Bosnien und Osttimor gestützt hat, inzwischen selbst für überholt. Der UNDP-Mann Brown kommt mit einer schlichten Faustregel - 1000 Dollar je Einwohner - auf 25 Milliarden Dollar. Weil er fürchtet, dass das Interesse der Welt an Afghanistan schnell wieder abflaut, will er ein Fünfjahresprogramm festschreiben: geringere Beträge zum Beginn, weil die Verwaltung erst aufgebaut und die gröbsten Mängel in der Infrastruktur behoben werden müssen, und dann höhere Summen, weil sinnvollerweise erst danach die kapitalintensiven Projekte gestartet werden können.