Russland lässt die Opec ganz schön schwitzen. Während sich das Kartell verzweifelt darum bemüht, einen Kollaps des Ölpreises zu verhindern, ließ sich der sibirische Tiger nur zu einer symbolischen Geste herab. Um 50 000 Fass pro Tag will die drittgrößte Ölmacht der Welt ihre Förderung reduzieren.

Nicht mehr als ein Klacks bei einer Tagesproduktion von über sieben Millionen Fass. Die Opec verlangt weitaus mehr, nämlich eine Drosselung von insgesamt 500 000 Fass. Außerhalb der Opec müsste Russland davon den Löwenanteil übernehmen. Bleiben die Russen stur, will das Kartell die eigene Förderung nicht, wie geplant, ab Januar um weitere 1,5 Millionen Fass herunterfahren.

Im Wiener Hauptquartier der Opec bezeichnet man Russlands Verhalten als "schändlich". Man weiß, dass im sibirischen Winter die russische Förderung stets automatisch um ein paar zehntausend Fass zurückgeht, und macht keinen Hehl aus der Verärgerung über das "zynische" Spiel der Russen. Der Zorn der Opec ist begreiflich. Ohne eigenes Zutun hat Russland in den vergangenen Jahren enorm von der Strategie des Kartells profitiert. Während das Kartell den Ölpreis durch eine Serie von Produktionskürzungen hochtrieb - von einem Tiefstand bei 10 Dollar bis auf 35 Dollar pro Fass -, strich die russische Industrie ungeniert die Gewinne ein, investierte in nun profitable Felder und sicherte sich zugleich einen größeren Marktanteil.

Dank des Ölbooms blickt Russland selbstbewusster in die Zukunft. Die Wirtschaft hat sich erholt. Das Wachstum zog an, die Zahlungsbilanz befindet sich im Plus, und die russischen Aktienmärkte legten im Jahr 2001 gegen den internationalen Trend um 50 Prozent zu. Gewiss drücken nach wie vor die Auslandsschulden von 145 Milliarden Dollar. Doch auch hier wird ein Silberstreif am Horizont sichtbar. Gerade erst versammelten sich westliche Bankiers in Moskau zu einem wahrlich historischen Ereignis - Russland zahlt eine fünf Jahre alte internationale Anleihe in Höhe von einer Milliarde Dollar zurück. Laut Kaspar Bartholdy, Analyst von Credit Suisse First Boston und Emerging-Markets-Spezialist, ein "Meilenstein auf dem Weg zu größerer Kreditwürdigkeit". Es passt ins Bild, dass davon als Erste russische Ölkonzerne profitieren, die nun verstärkt im Balkan wie im kaspischen Raum investieren.

Putin profitiert vom Krieg Die Konfrontation mit der Opec fügt sich nahtlos ein in Wladimir Putins Strategie. Gestärkt durch die größere soziale wie politische Stabilität in seinem Lande, zählt der russische Präsident bereits jetzt zu den Gewinnern des Krieges gegen den Terror. Die Vereinigten Staaten, als Schutzmacht und strategischer Partner bislang vorrangig um Stabilität und Wohlergehen des Hauses Saud besorgt, haben einen intensiven Flirt mit der drittgrößten Ölmacht der Welt begonnen. Die Prioritäten der westlichen Supermacht haben sich seit dem 11. September verschoben. Washington sorgt sich stärker als zuvor über die Abhängigkeit vom "feindlichen Öl" im arabischen Wüstensand.

Eine Schwächung des Einflusses der Opec und damit insbesondere der fünf islamischen Ölproduzenten am Golf liegt durchaus im Interesse des Westens.

Man mag nicht länger allzu sehr am Tropf der Scheichs hängen. Das ist ein wichtiger Grund dafür, eine neue strategische Partnerschaft mit Russland anzustreben. In Washington spricht derzeit niemand mehr davon, die riesigen kaspischen Öl- und Erdgasfelder durch neue Pipelines anzubinden, die durch Afghanistan führen würden - ein Plan, der noch vor 12 Monaten sogar mit den Taliban erörtert wurde und den allen voran Dick Cheney als Chief Executive von Haliburton International, einem amerikanischen Öl- und Konstruktionskonzern, energisch verfolgt hatte. In einer Rede vor dem Catoinstitut in 1998 hatte er die Begründung geliefert. Gott habe es nicht für nötig befunden, Öl und Gas nur dort in den Boden zu tun, wo es demokratische Regime gebe, die Amerika freundlich gesinnt seien. "We go where the business is." Nun dürften die Ressourcen des neuen geopolitischen Brennpunktes im kaspischen Raum durch Röhren fließen, die durch Russland und den Kaukasus gelegt werden.