Heimliche Überproduktion Russlands wahre Absichten werden spätestens zu Beginn des nächsten Jahres offenbart. Ursprünglich hatte die Ölindustrie vor, vom Januar an 500 000 Fass mehr aus den Feldern in Siberien herauszupumpen. Bliebe es dabei, würde die Opec noch stärker unter Druck geraten. Das Kartell der elf müsste entweder die eigene Produktion - sowie die heimliche Überproduktion - noch einmal reduzieren, um eine Ölschwemme auf dem Weltmarkt zu verhindern. Oder die Saudis und ihre Partner müssten in Kauf nehmen, dass der Preis weiter verfällt. Riad geriete in eine furchtbare Bredouille. Schließlich brauchen die Saudis, um ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen und eine explosive innenpolitische Entwicklung zu verhindern, eigentlich sogar einen Preis von rund 24 Dollar per Fass. Doch es ist unwahrscheinlich, dass sich dieses Schreckensszenario einstellt. Russland würde sich ins eigene Fleisch schneiden. Putin weiß das. Die Turbulenzen in der Welt boten ihm die Chance, Russlands Einfluss zu mehren. Eine Niederlage gegen die Opec würde die russische Ökonomie wie seine Präsidentschaft zerstören ein Erfolg bedeutet mehr Einfluss in Zentralasien und in Amerika. Weshalb es darauf ankommt, einen Kompromiss als Sieg darzustellen.

Putin steuert entschlossen auf prowestlichem Kurs. In London interpretierte ein russischer Intellektueller Putins Politik in privater Runde als Entscheidung, sich zum "Club des weißen Mannes" zu gesellen. Er führte gute Argumente dafür an. Das russische Atomarsenal veraltet in rasantem Tempo einen technologischen Wettlauf mit Amerika könnte sich sein Land nicht leisten. Besser also, den amerikanischen Plan für einen Antiraketenschirm zu akzeptieren und sich dafür Gegenleistungen auszubedingen: etwa freie Hand gegenüber Tschetschenien und eine beiderseitige Reduktion von Raketen. Putin ist so weit gegangen, wie es ihm möglich war. Eine andere Frage ist, ob der Westen ganz auf die neue strategische Partnerschaft mit der Ölmacht Russland bauen kann und soll. Sollen alle Pipelines für die kaspischen Felder in Russland und seiner Einflusssphäre installiert werden? Manche Russland-Kenner mahnen zur Vorsicht. Niemand kann ausschließen, dass irgendwann in Moskau wieder politische Gruppierungen ans Ruder kommen, die den Westen und Amerika hassen. Die Strategie der Äquidistanz zwischen China und dem Westen hat eine lange Tradition in Russland. Ein Putin reicht nicht, um sie ein für alle Mal zu zerstören. Ressourcenpolitik besitzt stets ihre Tücken. Für nichts gilt das mehr als für Öl. Es liegt nahe, die Abhängigkeit vom Golf so gering wie möglich zu halten. Politische Erschütterungen dort könnten den Fluss des Öls plötzlich unterbrechen. Doch eine Umorientierung schafft unvermeidlich neue Abhängigkeiten. Was auch die deutschen Politiker wissen, die langfristig angelegte neue Verträge über die Lieferung von Erdgas aus sibirischen Feldern aushandelten. Der U. S. National Intelligence Council bemerkte lapidar, wie "geografisch konzentriert" Erdöl- und Erdgasreserven der Zukunft seien, auf den Golf und die zentralasiatische Region. So oder so - Russland wird zu den Profiteuren der Zukunft zählen.