Kurz vor seinem Tod 1983 schrieb der belgische König Leopold III. seine Sicht der Jahre zwischen dem Überfall Nazideutschlands auf sein Land 1940 und der erzwungenen Abdankung 1950 nieder: eine postume, wenig überraschende, von Selbstmitleid und Rechthaberei durchzogene Arbeit, Pour l'Histoire, so der Titel, also für die Geschichtsbücher gedacht. Sie bündelt und kommentiert durchaus bekannte Dokumente jener Jahre - und verkauft sich jetzt bei ihrer Erstveröffentlichung ausgesprochen gut. Knapp acht Jahre nach dem Tod von König Baudouin, Sohn und Thronfolger Leopolds, legt zugleich der langjährige Le Monde-Korrespondent José-Alain Fralon die erste Biografie eines Mannes vor, in dessen Trauerzug sich 1993 jeder zehnte Belgier einreihte. Das Buch führte, zusammen mit Leopolds Konfessionen eines verletzten Königs, in Belgien die Bestsellerlisten an. Die Belgier hängen an ihren Königen.

Aber braucht Belgien einen König? Nach Kriegsende stellte sich diese "Königsfrage", la question royale. Sie spaltete das Land in linksliberale Republikaner und katholische Royalisten, in königstreue Flamen und ablehnende Wallonen. Hatte der König sein Land verraten, als er nach der Kapitulation 1940 nicht wie die damalige Regierung ins Exil floh, sich von Hitler nach Berchtesgaden kommandieren ließ und überhaupt mit einer abwartenden, "neutralen" Haltung durch den Krieg lavierte? Viele Belgier glaubten diesem Mann nicht mehr, trauten ihm nicht zu, länger Bindeglied zwischen Flamen und Wallonen, Katholiken und Laizisten, Sozialisten, Liberalen und Christsozialen zu sein. Die "Königsfrage" hinterließ bei Leopold, wie Pour l'Histoire zeigt, "den Eindruck einer Bitterkeit, die selbst die Zeit nicht auslöschen konnte".

Zwar stimmten 1950 rund 57 Prozent für eine Rückkehr Leopolds III. auf den Thron. Der Bruch aber war nur durch Abdankung zu heilen.

Damals ging ein melancholischer König, der den Tod seiner ersten Frau Astrid - sie starb bei einem Autounfall, er saß am Steuer - lange nicht verwand.

Seinem Volk wiederum verzieh Leopold es nie, dass viele seine zweite Frau Lilian als Parvenü ablehnten. Und es kam mit Baudouin ein Monarch, noch keine 20 Jahre alt - "zehn Jahre Drama, zehn Jahre Exil" -, den seine Landsleute sogleich den "traurigen König" nannten. Von seinem Land habe er am Tag seiner Inthronisation nur ein paar "Vorstellungen aus Büchern" gehabt, schreibt sein Biograf Fralon. Die Abdankung Leopolds empfand Baudouin als Vatermord (und der empfand genauso, man sprach von da an kaum noch miteinander), das Amt nur als Pflicht und nicht als Ehre. Und doch steht Baudouin schließlich für Belgien und wird Belgien mit diesem schlaksigen, scheuen Mann identifiziert.

Entkolonialisierung und Europäisierung, wirtschaftlicher Aufstieg und ökonomischer Ausverkauf fast aller großen Unternehmen fallen in seine Zeit.

Als Baudouin 1990 sich weigert, das Gesetz zur Freigabe der Abtreibung zu unterzeichnen, steht sein Land, wie schon 1940, wie schon 1950, am Rande einer Verfassungskrise. Ein Mann mit Gewissen, verteidigen ihn seine Anhänger ein verknöcherter Katholik, erfasst von der charismatischen Bewegung und beeinflusst von seiner spanischen erzkonservativen Frau Fabiola, klagen die Gegner. Ein Kniff, ein Kompromiss à la belge rettet die Lage: Für Augenblicke erklärt der Ministerrat den König für regierungsunfähig, Zeit genug, das Gesetz zu verabschieden. Gleich anschließend wird die Regierungsunfähigkeit für beendet erklärt. Fralons Biografie liest sich nicht nur hier ebenso spannend wie amüsant: Sie ist eine glänzende Einführung in die Art und Weise, wie Belgier es in schwierigen Lagen verstehen, Politik zu machen.