Die rot-grüne Koalition ist von den schlechten Arbeitsmarktzahlen derart verschreckt, dass sie laut darüber nachdenkt, die Löhne gering qualifizierter Arbeitskräfte bundesweit staatlich zu subventionieren. Dadurch, so das Kalkül, würden die Löhne steigen, ohne dass es den Arbeitgebern etwas kostet, und die vermeintlich schlecht bezahlten Jobs würden für Arbeitslose interessant werden. Das mag sich zunächst plausibel anhören. Seltsam ist nur, dass die Modellprojekte in mehreren Bundesländern, welche die Wirkung solcher Lohnsubventionen testen sollten, alles andere als ein Erfolg sind.

Der Grund: Hinter der scheinbar vernünftigen Strategie verbirgt sich eine verkürzte Diagnose. Und die Therapie, das zeigten insbesondere die Modellversuche im Saarland und in Rheinland-Pfalz, ist zweifelhaft.

Der Vorschlag, "Niedriglöhne" pauschal zu subventionieren, übersieht, dass es mindestens drei verschiedene Arten von gering qualifizierten Arbeitslosen gibt. Erstens solche, die erst seit kurzem arbeitslos sind oder denen Arbeitslosigkeit erst droht. Zweitens Langzeitarbeitslose, unter denen - drittens - Alleinerziehende eine besondere Gruppe darstellen. Um wieder einen Job zu finden, braucht jede Gruppe ihre eigene Therapie.

Beginnen wir mit Gruppe eins. Inzwischen glauben nahezu alle Experten, Personen mit niedriger Qualifikation seien derart unproduktiv, dass kein Unternehmen bereit ist, ihnen die in Deutschland üblichen hohen Löhne zu zahlen. Würden die Löhne für niedrig Qualifizierte gesenkt, könnten diese angesichts hoher Preise davon aber nicht leben. Bewiesen sind beide Behauptungen nicht.

Der nahezu vergessene Aufschwung Ende der achtziger Jahre in Westdeutschland hat gezeigt, dass niedrig Qualifizierte auch in der "globalisierten Wirtschaft" durchaus eine Chance am Arbeitsmarkt haben, sofern die gesamtwirtschaftlichen Bedingungen stimmen. Wenn die Wirtschaft boomt, finden sie Jobs, so wie auch in den neunziger Jahren in den USA. Bei diesem Stichwort folgt meistens die Entgegnung, die Ursache des amerikanischen Jobwunders seien die dort im Vergleich zu Deutschland niedrigen Löhne gewesen. Aber dieses Argument übersieht, dass das Qualifikationsniveau der schlecht Ausgebildeten in Deutschland viel höher ist als in Amerika. Im Benchmark-Bericht, der von Wissenschaftlern für das "Bündnis für Arbeit" erstellt wurde, kann man nachlesen, dass auf einer Skala, die für die am besten Qualifzierten den Wert 400 erreicht, die unqualifizierten Amerikaner nur einen Wert von etwa 135 aufweisen. In Deutschland wird aber ein Wert von über 200 erreicht, die Produktivität der gering Qualifzierten ist also gar nicht so niedrig. Anstatt über Lohnsubventionen nachzudenken, sollte man deshalb lieber durch kluge Deregulierung die Nachfrage nach einfachen Diensten erhöhen, etwa im Bereich des Handwerks und der Betreuung/Pflege, wo es etwa nicht einzusehen ist, weshalb man eine pädagogische Ausbildung braucht, um zum Beispiel Essen auszugeben.

An der eigentlichen Problemgruppe aber gehen Lohnsubventionen ohnehin vorbei.

Das ist die Gruppe zwei: die gering Qualifizierten, die schon das Schicksal der Langzeitarbeitslosigkeit getroffen hat. Ihnen hilft auch ein allgemeiner Aufschwung wenig, weil Arbeitgeber die Einstellung von Langzeitarbeitslosen meist solange wie möglich vermeiden. Die Problemfälle bleiben außen vor, solange andere Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Nicht nur die Modellprojekte in Deutschland, sondern auch flächendeckende Lohnsubventionen in den Niederlanden und Frankreich konnten Langzeitarbeitslosen kaum helfen.