Die Rechtslage ist unklar, jedenfalls für jene, die sie ausnutzen und nach der Springflut Austern aufsammeln, die sich von einer der nahe gelegenen Austernbänke gelöst haben. Dürfen die das, auf eigene Faust, an den Züchtern vorbei? "Es ist erlaubt, ohne wirklich erlaubt zu sein", sagt einer, "aber illegal ist es nicht." Genaueres lässt sich vor Ort nicht ermitteln, jeder Sammler oder Züchter erinnert sich an einen anderen Rest alter Richtlinien - und außerdem, wer weiß schon noch, aus welchem Jahrhundert die stammen.

Irgendwann bemüht Agnès Varda einen Anwalt. Sie stellt ihn mit schwarzer Robe und aufgeschlagenem Gesetzbuch mitten in die Natur und lässt ihn in die Kamera vortragen, wie die glaneurs rechtlich dran sind, jene Sammler, die abseits der offiziellen Ernte auflesen, was übrig bleibt, was den Maschinen durch die Lappen geht, was nicht der Normgröße entspricht, was die Bauern oder Winzer einfach links liegen lassen. Der Anwalt stellt fest: Seit alters her sei es den Armen gestattet, nachträglich aufzulesen, was sie zum Leben brauchten. Agnès Varda hakt nach: Aber was ist mit jenen, die nur zum Spaß sammeln? Der Anwalt grinst: Nun, die brauchten zum Leben offenbar den Spaß

also sei ihnen das Aufsammeln ebenso gestattet.

Das ist nicht nur eine sehr schöne Auslegung

sie passt auch sehr schön auf den Film Die Sammler und die Sammlerin, in dem man eine besondere Sorte von Sammlern kennen lernt durch das Interesse einer besonderen Sammlerin, nämlich Agnès Varda. Einmal spürt sie im Museum ein Gemälde mit einer stolzen Ährenleserin auf, die ein großes Bündel Weizen auf der Schulter trägt. Im nächsten Bild posiert sie selbst mit einem Bündel Weizen. Dann lässt sie's fallen und hebt stattdessen ihre kleine Digitalkamera ans Auge. Ja, auch Agnès Varda liest auf, was ihr unter die Hände kommt, sie durchstreift das Feld (ein weites Feld) nach food for thought, nach Bildern und Menschen, die sammeln wie sie, wenn auch ganz anders. Natürlich gibt es einen großen Unterschied zwischen denjenigen, die auf Restkartoffeln aus sind, um sich in der unwirtlichen Wohnwagensiedlung kostenlos selbst versorgen zu können, und derjenigen, die zu Hause den Blick gleiten lässt über die verstreuten Mitbringsel von der letzten Fernreise. Aber Varda will auf kein Panorama kreativer Armutsbewältigung hinaus, sondern auf ein Mosaik, das vom Aufsammeln als Leidenschaft und als traditioneller Tätigkeit erzählt. Es gibt sie, die glaneurs aus Not. Aber es gibt auch viele glaneurs aus Neigung.

Allen gemeinsam ist die Freude, auf der Straße oder dem Feld zu finden, was andernfalls verschrottet oder verrotten würde. Varda stellt zwei Arten nebeneinander mit einem Schnitt vom klammen Wohnwagen zur chromummantelten Haute Cuisine. Eben noch hat jemand von seiner Jagd nach Essensresten in den Müllcontainern teurer Restaurants gesprochen ("Wir haben keine Angst, uns die Hände schmutzig zu machen. Hände kann man waschen."). Jetzt beobachtet Varda die Zubereitung eines komplexen Hors d'oevres - und streift gleich anschließend mit dem Küchenchef über Land. Auch er liest auf, worauf er zufällig stößt, und verwendet es für seine Kompositionen.

Varda verbindet die soziale Frage mit der künstlerischen. Das ist gewagt, aber es glückt, weil Vardas Persönlichkeit stark genug ist, es mit allem gleichzeitig aufzunehmen, einfach nach Herzenslust (und Herzensgüte) zu kombinieren, am Schneidetisch wie im eigenen Kopf, drauflos, um die Ecke, sprunghaft und sehr persönlich. Die Sammelleidenschaft der Filmemacherin hört am eigenen Körper nicht auf. Ganz dicht fährt sie mit der Kamera an ihre faltige, 72-jährige Hand heran und sagt: "Ich komme mir plötzlich vor wie ein Tier, das ich nicht kenne." Sogar das Vertrauteste kann zum zufälligen Fundstück werden. Die Kamera hebt etwas auf, das es nur dank ihres eigenen schweifenden Blickes gibt. Agnès Varda hat schon früh den Begriff der cinécriture entwickelt, der auf die assoziative Freizügigkeit von Bildern und Gedanken hinaus will, im Gegensatz zum Abfilmen nach Drehbuch. Sie hat die eigene Arbeit immer offen gehalten für Überraschungen, hat ihre Spielfilme wie La Pointe courte (1954) oder Cleo de 5 à 7 (1961) meist dokumentarisch angereichert und ihre dokumentarischen Werke wie Lion's Love (1969), Jane B.