Ähnliche Fälle gibt es in München, wo in mehreren neuen Kindergärten überhöhte Formaldehydwerte gefunden wurden. So auch in der erst kürzlich fertig gestellten Kita Am Blütenanger. In dem architektonisch ansprechenden Vorzeigebau gast das Gift nicht aus Spanplattenwänden, sondern aus der Leimholzdecke. Damit hier trotzdem bald Kinder spielen können, setzt das Münchner Hochbauamt nun auf ein neuartiges Sanierungsverfahren: Schafwolle gegen Formaldehyd. Was für gestandene Handwerker nach esoterischem Schmarrn klingt, preist Robert Sweredjuk von der Herstellerfirma Doppelmayer in Kempten so: "Aldehyde wie das Formaldehyd gehören zu den proteinreaktiven Luftschadstoffen. Das heißt, Formaldehyd geht eine chemische Verbindung mit der Wolle ein." Im Klartext: Das darin enthaltene Eiweiß (Keratin) bindet Formaldehyd. Umgekehrt wird der Effekt schon lange genutzt, indem anatomische Präparate in Formaldehydlösungen (Formalin) konserviert werden. Der Clou der Wolle mit dem Handelsnamen Kairatin: Durch ein spezielles Behandlungsverfahren wird das Absorptionsvermögen zusätzlich vergrößert.

Untersuchungen am Deutschen Wollforschungsinstitut in Aachen bestätigen die Wirksamkeit der Wolle. Auch Gerd Zwiener vom Eco-Umweltinstitut in Köln schwört auf das Vlies: "Die Versuche lassen den Schluss zu, dass die Aufnahmekapazität der Wolle für mindestens zehn Jahre reicht." Als Beispiel für die Effizienz des Verfahrens nennt er einen Kindergarten in Langenfeld bei Köln. "Der sollte eigentlich abgerissen werden, weil der Formaldehydrichtwert doppelt überschritten war." Nach Einbringen der Wolle seien die Werte fünffach gesunken. Auch eine Kontrollmessung nach über zwei Jahren habe dies bestätigt. Echte Langzeitversuche, räumt Zwiener ein, gebe es noch nicht. Entfernen der Formaldehydquelle sei ohnehin die beste Lösung.

Nur wo dies nicht möglich sei, etwa bei Fertighäusern, wo Wände und Decken aus Spanplatten bestehen, mache die Wolle Sinn. Dort könne das Vlies auf die Wand getackert und eine Gipskartonplatte davor verbaut werden. Entweiche das Gift aus der Decke, sei der Einbau einer Abhangdecke sinnvoll, auf die man die Wolle lege.

Vertrieben wird sie über die Firma Raab Karcher, die bereits ein gutes Geschäft wittert. Denn das Wohngift lauert angeblich in vielen Fertigbauten.

So habe die Firma, die den verseuchten Pavillon für das Landsberger Gymnasium errichtete, zahlreiche ähnliche Gebäude gebaut, wie der Landratsamtssprecher weiß. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch dort kritische Eltern mit einem Apotheken-Test für 40 Mark anrücken. So wie in Oberursel. Die kleinen "Taunuswichtel" werden deshalb das Weihnachtsfest im Ausweichquartier feiern. Übrigens auch ein Fertigbau.