Dicht breiten sich Baumkronen über das Ruinenfeld. Glitschige Erdwälle führen hinunter zu zerborstenen Gebäuden. Stahlschrott vergittert den Blick zum Himmel. In einer zerfetzten Wand hat ein Vogel sein Nest gebaut. Moos kriecht über eingestürzte Betontrümmer. Werkunglück, 1936, neun Tote, sagt Karl Gruber knapp. Bei der Explosion wurde alles zerrissen - die Leichen hat man nie gefunden. Karl Gruber muss es wissen: Über 50 Jahre lang hat er diese Industrieruinen wie kein Zweiter erforscht.

Es war eine besondere Fabrik, durch deren Reste Karl Gruber heute seine Gruppen führt: Hier am Elbufer in Krümmel, jetzt ein Ortsteil der Gemeinde Geesthacht unweit von Hamburg, hat Alfred Nobel 1866 das Dynamit erfunden - und wurde reich genug, den begehrtesten Preis der Welt zu stiften. Am 10.

Dezember, Nobels Todestag, wird er zum 100. Mal verliehen.

Rund acht Jahrzehnte lang war die Dynamitfabrik Krümmel eines der modernsten Chemiewerke Europas. 1948 schleiften die Alliierten die Anlage. Jetzt bedeckt Wald den größten Teil des 240 Hektar großen Areals. Und Krümmel ist längst für zwei andere Exportartikel berühmt: Diddlmäuse und Atomstrom aus dem Kernkraftwerk Krümmel. Letzteres steht an prominenter Stelle - auf einem Teil der Ruinen von Nobels Dynamitfabrik.

Wer den anderen Teil besuchen will, braucht Fantasie, Gummistiefel - und einen versierten Dschungelführer. Am besten Krümmeler Urgestein wie Karl Gruber: 73, pensionierter Bankangestellter, eine Art Indiana Jones der Dynamitfabrik. Mein Großvater, mein Vater, mein Schwiegervater, mein Schwager - hier haben alle auf dem Krümmel gearbeitet. Als die Anlage demontiert wurde, habe er Mitleid bekommen mit unserer Fabrik. Fünfzehn Aktenordner, Baupläne, das Fotoarchiv, funkenfreie Werkzeuge aus Messing, eine Stechuhr, die Deckbescheinigung der Werkstuten: Wahllos rettete er Devotionalien von der Müllkippe.

Karl Gruber verfasste auch zwei Bücher, über die Dynamitfabrik und über Alfred Nobel, den schwedischen Industriellen, den der Erfindungsgeist in die Fremde trieb. Zu Hause haben ihn die Sicherheitsauflagen vergrätzt. Dabei waren die schwedischen Bedenken nicht unberechtigt: Bei Stockholm hatte Nobel Nitroglycerin produziert - eine Flüssigkeit, die schon durch geringe Erschütterungen explodiert. 1864 flog die schwedische Anlage in die Luft, Nobels jüngerer Bruder Emil kam dabei ums Leben. Alfred Nobel zog nach Deutschland. Unfälle passierten auch hier: 35 hat Karl Gruber in den alten Firmenakten gezählt. Insgesamt 107 Tote.

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