Als 1945 die S-Bahn wieder anfing, stockend an den Häuserfratzen vorbeizufahren und die Menschen dichtgedrängt in den pappverklebten abteilen standen, dachte man noch nicht an den Wiederaufbau. Aber mit der zeit murrten die Menschen doch über die unfertigen Häuser. Wohnungen waren und sind rar – seit so viele dahin sind und so viele andre von Amerikanern, Engländern und Franzosen benutzt wurden. Sie waren sich alle einig – die Bezirksämter, der Magistrat, die Bewohner, die Parteien –: beim Aufbau kämen die Häuser in der Sundgauer Straße, in Britz und anderswo zuerst dran … Doch ehe die notwendigen Dachziegel zusammengescharrt waren, wurde es wieder Nacht über Berlin, und das nicht abreißende Rauschen und Dröhnen der Luftbrücke wurde die Lebensmelodie der blockierten Stadt.

Ein Schild, das an die Straße der fast fertigen Häuser genagelt worden war, wusch der Regen im Laufe der Zeit fahl. "Hier bauen wir wieder auf" stand drauf. Die Blockade dauerte lange. Das Schild war verheizt worden. Und mit den ersten Heringsschwärmen, die am Blockade-Ende über Berlin kamen, führ kein Zement, kein Mörtel, kein Bauholz mit. So viel anderes stürzte jetzt erst wie ein sehr verspäteter, aber sehnlichst erwarteter warmer Regen über die schmalen, geöffneten Furten nach Berlin. Nach der neuen Nacht der langen Stromsperren brannte wieder Licht. Die Stadt hätschelte die Ladenfenster, die Straßen mit Butter und Fleisch, mit Obst und Trikotagen, mit Schuhen und Kleidern. Nicht, dass die Leute von der Sundgauer Straße in jenen Tagen gemeint hätten, jetzt sei es endlich Zeit für ihre unfertigen Wohnungen. Nein. Sie fanden es richtig, dass der Kurfürstendamm und die Steglitzer Schlossstrasse strahlten; sie freuten sich an jedem stählernen oder hölzernen Gerüst, das an den zerfransten Ruinen der Boulevards hochkletterte. Wie zur Auferstehung ihres berlinischen Mythos beglückwünschten sie sich zu der Wiederkehr der großen Häuser: zum KaDeWe, zu Horn, zu Leineweber zu Raddatz, zu Leiser, zu Karstadt, zu Rudolph, zu den Möbelpalästen und den üppigen Kino-Burgen, zum Lichterkorso am Tauentzien – zur quirlend lebendigen Fassade der Stadt.

Die deklassierte Armee

Weil die Berliner vor allem das Helle, das Lebendige, das Imponierende lieben, schmerzt auch die Wohnungs- und Arbeitslosen dieser funkelnde Aufputz der neuen City nicht. Daß die üblichen großen Schilder vor den Baustellen bei Kempinski stehen: "Mit Hilfe des Marshall-Plans …", das mag vielleicht ein Anlaß des Nachsenkens sein, aber es ist kein Anreiz zum sozialen Sentiment. Berlin ist Repräsentanz: Das agen auch die 250 000, die sich wöchentlich ihre Arbeitslosenunterstützung abholen müssen.

Die meisten von ihnen sind nun schon länger als ein Jahr ohne Arbeit. Für sie und für die Berliner Behörden ist dies beinahe ein normaler Zustand. Erwerbslosigkeit – das gehört zu Berlin von heute. Gewiß, die Berliner Promenaden und Parks blitzen; das haben immer je 50 000 Arbeitslose im Sommer und Herbst getan. Notstandsarbeiten nannte man es, und auch hierfür gab es Geld und Kredite von drüben. Aber es reicht nur zu Spitzhacken und Spaten. Und die meisten von denen, die dieses grüne Park-Antlitz von Berlin schufen, kenn sich auch besser in Zahlenkolonnen und Bilanzen, in Abrechnungen und Registraturen als mit Werkzeugen aus. Die Angestellten-Armeen von Berlin stehen nun einmal in Wartestellung, seit die Ministerien und Behörden links und rechts des Rheins siedeln. Anderswo in der Bundesrepublik gibt es eine fluktuierende, eine von Jahreszeiten abhängige Erwerbslosigkeit; in Berlin sind die Dauererwerbslosen das Heer der deklassierten Hauptstadt. Sie sind, wenn sie von Promenade zu Promenade ziehen, von Wechselstube zu Wechselstube, vom Wettbüro zum Totoschalter, die ständige Mahnung und Anklage gegen den Westen.

Vor den Stempelstellen hat man Zeit. Dort tauchen auch die östlichen Werber auf, die Partner zum Friedensgespräch. Sie locken mit vielem, mit Arbeit zumal, mit Arbeit in den Fabriken des Fünfjahresplans, mit Arbeit zum Wiederaufbau Ost-Berlins. An die Stempelstellen schicken sie die Milden, die überreden können. Erwerbslosenkonferenzen bieten sie an; auf ihnen soll nichts als der Weg aus der Arbeitsnot gesucht werden …

Schleichwege bei Tag und Nacht