Die Demontage des Palästinenserpräsidenten, dessen taktisches Vermögen der Eskalation in Jerusalem, Gaza und Westjordanland nicht mehr gewachsen ist, war vorherzusehen. Dennoch hat Javier Solana für die EU betont, man sehe Arafat weiterhin als Ansprechpartner. Den immer noch am Ausgleich interessierten Europäern kann das Vakuum an der palästinensischen Führungsspitze nicht gelegen sein. Die Israelis hingegen nutzen es und schaffen mit massiven militärischen Mitteln neue Fakten: "Armee startet Großoffensive in Westjordanland und Gaza", informiert uns die "Welt".

Es gibt Zufälle, die sind einfach zu schön, um wahr zu sein: Gerade schließt sich der Kreis um die Bergfeste Tora Bora, in der immer noch Osama Bin Laden vermutet wird, da taucht dieses "Amateur-Video" auf, wo der Superschurke in aller Offenheit über seine Verbrechen plaudert. Macht man das so? Erst bestreitet man die direkte Beteiligung an dem Verbrechen, und dann lässt man sich mit einer Videokamera beim Abendessen filmen, während man alle relevanten Details zum besten gibt? Und dann, zur Krönung, lässt man dieses Video in irgendeinem Haus in einer umkämpften Stadt einfach liegen? "Das teuflische Geständnis", titelt die "Bild" genregerecht über einen Plot, den wir so recht keinem Hollywood-Film abnehmen würden.

"Frankfurter Allgemeine" und "Handelsblatt" beweisen auch heute wieder Gelassenheit gegenüber dem hektischen Pulsschlag der Tagesereignisse. Die Frankfurter verbannen Nahost und Afghanistan in die Randspalten und lenken ihr Augenmerk auf eine andere geostrategische Achse: "Bush kündigt ABM-Vertrag und bietet Putin 'neue Beziehungen' an". Und die Düsseldorfer melden: "Duisenberg dämpft Hoffnung auf rasche Zinssenkung".

Das Prinzip Arafat an seinem Ende

Jassir Arafat beherrscht heute wieder einmal die Meinungsseiten. An diesem Mann schreiben sich die Kommentatoren nun buchstäblich seit Jahrzehnten die Finger wund, und man merkt ihnen fast die Hoffnung an, dieses Kapitel Weltgeschichte, mit seinen Unterabschnitten Rabin, Netanjahu, Barak und Scharon (um nur die letzten zu nennen) könnte nun endlich zu Ende gehen. Niemand hegt große Sympathien für Ariel Scharon, den Mann der harten Hand, aber unterm Strich steht in fast allen Kommentaren: Selber Schuld, Herr Arafat. "Arafat ist nicht der Zauberlehrling, als den ihn die Welt lange voller Mitleid gesehen hat", schreibt Peter Münch in der "Süddeutschen Zeitung". "Er zählt durchaus zu den bösen Geistern. Wenn er nun in der Falle sitzt, dann hilft es ihm nicht mehr, darauf zu verweisen, dass sein Erzfeind Ariel Scharon sie ihm gestellt hat. Denn dies ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist, dass er genau dort angekommen ist, wo er sich selbst hin manövriert hat."

Münch erinnert an Camp David 2000, als Arafat Baraks Angebote "vom Tisch wischte", an die zahllosen Beschwichtigungen und Lügen, mit denen er immer wieder seine Untätigkeit kaschierte. Nun gebe es keine Chance mehr, so weiterzumachen: "[W]enn Arafat wirklich will, dass Scharon auf massiven amerikanischen Druck hin die Falle noch einmal öffnet, muss er mehr zu bieten haben als englische Friedensfloskeln und arabische Flüche."

Doch die Luft wird dünn für den alten Fuchs. Denn: "Auf die Araber kann der Palästinenserchef heute nicht mehr blind vertrauen", weiß Ewald Stein vom "Handelsblatt": "Sicher, diese üben sich gegenüber den Palästinensern nach wie vor in verbalen Freundschaftsschwüren. Gleichzeitig, und das haben sie Arafat längst wissen lassen, fürchten Länder wie Ägypten und Jordanien einen anhaltenden Terror, der die Israelis nur zusätzlich provozieren würde - möglicherweise bis hin zu einem neuen Nahost-Krieg."