Nun ist es so weit: Was immer daraus folgen mag - Stillstand, Aufbruch oder Untergang -, in Berlin nimmt die Koalition von SPD und PDS, mit Klaus Wowereit und Gregor Gysi, allmählich Gestalt an. Das Gespenst wird zur Wirklichkeit.

Obwohl das eigentlich niemanden wirklich überraschen sollte, ist die Aufregung groß. Warnen und Wehklagen überwiegen im Westen, auch gerechter Ostzorn ist dabei. Westhäme mischt sich in die konservativen Kommentare. Natürlich vernimmt man auch Töne des Triumphs bei den Profiteuren in der PDS, während die Zuversicht der SPD gedämpfter klingt. Besonders auffällig, wie vergleichsweise klein die Zahl derer ist, die wie Richard von Weizsäcker angesichts der rot-roten Annäherung zu "Respekt vor den Wählern" raten und an die politische Realität in Berlin erinnern.

Letzteres lohnt sich. Schließlich sind reale Wahlergebnisse die Grundlage demokratischer Regierungen. Und sosehr es den westdeutschen Herolden der "Berliner Republik" auch missfällt, zu dieser Realität zählen, neben den Parteien der ungeliebten alten Bonner Republik mit ihren Traditionen, auch die politischen Nachfahren der verabscheuten alten DDR samt ihren "zonigen" Verhaltensmustern. Die Annahme, der Osten würde im Westen spurlos verschwinden, war immer ein Irrtum, ob's einem gefällt oder nicht. Und so sind in Berlin aus den vorgezogenen Neuwahlen des 21. Oktober - als Folge des Finanzskandals, in den die CDU-Spitze verwickelt war - SPD und PDS als die eigentlichen Sieger hervorgegangen. In den beiden ehemaligen Teilen Berlins wurden sie mit Zugewinnen von mehr als acht Prozent jeweils stärkste Partei (West: SPD 33,7; Ost: PDS 47,6). In Gesamtberlin ist die PDS seither mit 22,6 Prozent immerhin die drittstärkste Partei hinter CDU (23,7) und SPD (29,7). Rein quantitativ würde die künftige Koalition von Sozialdemokraten mit Demokratischen Sozialisten also so "groß" sein, wie es eine Neuauflage der traditionellen Großen Koalition gewesen wäre. Die freilich ist aufgrund der Dimension der CDU-Verluste (minus 17,1) politisch irreal. Fiel eine Wählerabsage je deutlicher aus? In Berlin ist die Union vorerst von der Bildfläche verschwunden.

Gleichwohl wurde zunächst in anderer Konstellation verhandelt. Die Ampel (rot-gelb-grün) aus SPD/FDP/Grünen sollte ihre Chance haben. Doch dass dies angesichts der Gegensätze zwischen Bündnisgrünen und (Rechts-)Liberalen nicht gut gehen konnte, war absehbar; am Ende scheiterten die Verhandlungen an einer neuen Motorbootsteuer. Allzu unglücklich war die Berliner SPD-Führung darüber allerdings nicht.

Ursprünglich hatte sie sich vor allem aus zwei anderen Motiven auf den Ampelversuch eingelassen. Da war der tief sitzende Widerwille vieler Parteimitglieder gegen die PDS. Sie ist für viele immer noch die Nachfolgepartei der totalitären SED. Das machte sofortige Verhandlungen mit der PDS unmöglich. Zum Versuch mit der FDP und den Grünen hatte außerdem der Wunsch des Bundeskanzlers beigetragen, Rot-Rot in Berlin zu vermeiden. Schwerin oder Magdeburg mochte noch angehen: Aber ein Bündnis von SPD und PDS in Berlin ist aus seiner Sicht eine Belastung für seinen Wahlkampf 2002. Damit mag er sogar Recht haben. Die Union, personell wie inhaltlich in einer desperaten Lage, könnte die "rote Gefahr" zusammen mit der "Angst vor Überfremdung" zum Thema machen.

Aber ist die bundespolitische Machtfrage ein Grund, in Berlin die PDS um nahezu jeden Preis von der Stadtregierung fern zu halten? Soll die Stadt sich deshalb mit einer Ampel quälen, die am Streit der beiden kleinen Parteien von Anfang an zum Scheitern verurteilt war? "Nur nicht mit der PDS" als einzige raison d'être für diesen Dreierpakt, das hätte nicht weit getragen. Immerhin handelt es sich bei der Berliner FDP um einen rechten Club. Eines seiner prominentesten Mitglieder, der ehemalige Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, war der Wunschkandidat des Hamburger Populisten Schill für den Posten des Justizsenators. Ein haltbares Modell für eine Konstellation 2002 im Bund konnte aus dieser Berliner Lokal-Ampel also nie werden, sosehr der vorsorgliche Kanzler, der immer gern mehrere Optionen hat, damit kalkuliert haben mag.

So geriet die SPD in Berlin an den Punkt, wo ihr keine andere Option mehr zu Gebote stand. Sie kann jetzt, da eine Flucht zurück zur CDU der Selbstaufgabe gleichkäme, nur noch mit der PDS regieren. Soll sie nun aus der Not eine Tugend machen? Die "rote Kröte" schlucken, um nicht zu verhungern, die Notration zur Wunschdiät erklären, dabei das Wowereit-Lächeln lächeln und von einem Mitte-links-"Projekt" fantasieren? Genau diese Überhöhung würde Gregor Gysi gefallen. Anlass zur Aufbruchstimmung bietet das Bündnis mit der PDS jedenfalls keinen. Grund zu Kleinmut aber auch nicht. Wie wäre es mit nüchterner Politik?