Es sieht aus wie ein strahlender Sieg, aber gewonnen ist noch nichts. Binnen genau zwei Monaten haben die Amerikaner das Taliban-Regime zerschlagen, die Terrorgruppe Al-Qaida zumindest in Afghanistan aufgerieben und den Mord-Fundamentalisten Osama bin Laden in den Untergrund getrieben. In Kandahar kapitulierten die Taliban, einen Tag nachdem auf dem Petersberg bei Bonn verschiedene afghanische Oppositionsgruppierungen ein Abkommen geschlossen hatten, das nach zwei Jahrzehnten Krieg und Bürgerkrieg die Grundlage einer stabilen neuen Ordnung bilden soll. Es beginnt die Phase II des Antiterrorkampfes.

Was freilich heißt dies: Phase II? Für den amerikanischen Präsidenten bedeutet es in erster Linie, nun auch jene Länder ins Visier zu nehmen, die bin Laden - oder, im Falle seines Todes, dessen Gefolgsleuten - Unterschlupf gewähren könnten. Somalia, Sudan und der Jemen werden hier immer wieder genannt. Zugleich ist die Versuchung groß in Washington, in einem Aufwasch auch gleich den irakischen Diktator Saddam Hussein zu stürzen. Afghanistan aber? Dort will George W. Bush ungestört den Feldzug zu Ende führen und den Rest den Verbündeten und den Vereinten Nationen überlassen. Amerika führt Krieg bis zum Sieg, den Frieden sollen die anderen schaffen - auf diesen Nenner ließe sich die Bush-Doktrin bringen.

Amerikas Alliierte setzen die Akzente anders. Für die Europäer heißt Phase II primär Stabilisierung des Friedens: Aussöhnung der verfeindeten ethnischen Gruppen in dem 30-Millionen-Land; nation-building; humanitäre Hilfe; Wiederaufbau. All das wird nicht einfach werden. Es wird Mittel und Kräfte binden. Es wird Zeit brauchen. Und der Ausgang bleibt allemal höchst ungewiss. Ein Blick auf den Balkan lässt die Schwierigkeiten erkennen, die dem Versuch entgegenstehen, aus zerfallenen Staaten funktionierende Gemeinwesen zu machen.

Eine Chance des Gelingens besteht auf jeden Fall nur, wenn der Prozess der afghanischen Rekonvaleszenz und Rehabilitation von außen militärisch abgesichert wird. Da die Amerikaner sich daran nicht beteiligen wollen, bleibt der wesentliche Auftrag notgedrungen an den Europäern hängen. Indessen sind wichtige Fragen noch immer ungeklärt. Was eigentlich erlauben die Afghanen? Anscheinend wollen sie nicht einmal dulden, dass die internationale Friedenstruppe in den Straßen Kabuls patrouilliert. Dann: Reicht es wirklich aus, sie nur in der Hauptstadt zu stationieren - müsste sie nicht in allen Provinzen präsent sein? Andererseits: Im Kosovo, das 60-mal kleiner ist, war die Sicherungstruppe KFor zu Beginn rund 50 000 Mann stark. Schon solch eine Größenordnung erscheint heute vermessen. Gegenwärtig ist von allenfalls 3000 Soldaten die Rede. Aber könnte eine derart schmächtige Streitkraft die afghanischen Kampfhähne auseinander halten?

Bleibt die Frage: Was kann die Bundeswehr beitragen? Gewiss kann sie nicht die Führungsrolle übernehmen. Eigenständige Führungsmittel entwickelt sie erst seit jüngstem; soweit schon vorhanden, sind sie in Bosnien, im Kosovo und in Mazedonien gebunden. Truppen jedoch? Ein Bataillon wäre machbar, rund 600 Mann; mehr nicht - noch nicht. Das Gleiche gilt für Europas schnellen Eingreifverband: Er ist erst im Aufbau.

Einem symbolischen Beitrag wird sich die Bundesrepublik nicht entziehen können. Aber sie darf ihre Kräfte nicht mutwillig überdehnen. Auch Europa darf es nicht. Der Realismus gebietet die Einsicht: Der Balkan ist wichtiger für Europa als der Hindukusch. Und noch eine Einsicht erscheint dringend geboten: Kräfteeinsatz setzt Mitteleinsatz voraus. Wird er verwehrt, so bleibt alle Berufung auf Deutschlands gewachsene weltpolitische Verantwortung nichts als leeres Gerede.