Die Jalousien vor den hohen Fenstern sind heruntergelassen. Das Afrikamuseum von Tervuren, ein Palast vor den Toren Brüssels, liegt im Halbdunkel. Masken, Speere, Gerätschaften der Luba, Kuba, Bakuba - eingehüllt in Dämmerlicht. Welches Jahr schreiben wir? Vielleicht 1871, als im Herzen der Finsternis der Abenteurer und Journalist Henry Morton Stanley den verschollenen Forscher und Missionar David Livingstone endlich gefunden hatte, "Doctor Livingstone, I presume". Stanley wird uns in Tervuren oft begegnen, schließlich liegen hier sämtliche Archive und allerlei Hinterlassenschaften des Afrikareisenden.

Oder schreiben wir 1885, als der belgische König Leopold II. sich auf dem Berliner Kongress sein Stück beim europäischen scramble for Africa, dem gierigen Griff nach einem ganzen Kontinent sichern konnte und den Kongo, zehnmal so groß wie sein Heimatland, zu seiner Privatschatulle machte? Oder reisen wir anno 1910, als das Afrikamuseum, das Musée royal de l'Afrique centrale, in Tervuren seine Tore öffnete, ohne seinen Erfinder. Leopold III. war kurz zuvor gestorben. Er hatte weder sein Museum noch den Kongo je gesehen.

Der König hatte sich diese gewaltige Inszenierung als Propagandamaschine ausgedacht, als er den Kongo dem belgischen Staat "schenkte". Hier sollten die Belgier an "ihrer" Kolonie endlich Geschmack finden, auf einer ganz ungefährlichen Reise, gemütlich mit der Familie in der Tram über eine Prachtstraße mit Kastanien und Rhododendren hinaus ins Vorörtchen Tervuren.

Seither ist dies ein verzauberter Ort. Der Elefant wartet Jahr um Jahr auf die verschwundenen Ruderer der Piroge. Ein Leopard schlägt seine Zähne in den Hals der Antilope, doch kein Blut fließt. Und die nagelgespickte Kultstatue Nkisi nkondi birgt in sich noch immer den mächtigen Geist ihrer Ahnen.

In Tervuren findet der Besucher eine der größten Afrikasammlungen der Welt vor, mit ausgestopften Löwen und Giraffen, aufgespießten Schmetterlingen, Tsetsefliegen und Zecken, groß wie ein Daumennagel. Dieses Museum ist jede Reise, jeden Abstecher wert. Belohnt wird der Streifzug allerdings mit gemischten Gefühlen: Begeisterung paart sich mit Verwirrung, Faszination wechselt mit Schrecken.

Ganz sachlich hatte sich Leopold, Kind einer wissenschaftsstolzen Epoche, sein Museum gewünscht. Natur- und Heimatkunde, Flora und Fauna aus Dschungel und Savanne, Pechblende und Gummibaum, Baumwollstrauch und Bambuswäldchen, ausgebreitet in Dioramen und Schaukästen fürs breite Publikum; und unter demselben Dach eine veritable Forschungsanstalt für Ethnologen, Zoologen, Geologen, Agronomen, Historiker. Ein Ort der Aufklärung also. Wirklich?

Sachlich wirkt dieses Museum überhaupt nicht. In seinen 21 Sälen wird geschönt, was einst bis aufs Blut geschunden wurde. Inzwischen spüren auch viele Belgier, dass ihr stolzestes Museum so nicht bleiben kann. Darum soll das Monument in den kommenden Jahren von einem Team junger Anthropologen und Afrikakenner Schritt für Schritt umgebaut werden. Manches wird in anderem Licht erscheinen, anderes soll bleiben, wie es ist. Schließlich gehört der koloniale Blick zur Geschichte, da hilft kein Leugnen. Das schlechte Gewissen von heute kommt nicht umhin, das allzu gute Gewissen von gestern als Teil der Wirklichkeit zu begreifen. Die schönen Masken müssen zum Sprechen, die stummen Instrumente zum Klingen - und beide zurück in ihren kulturellen Zusammenhang gebracht werden, mit moderner Technik.