Viel gefeiert, wurde der Dritte Weg zum britischen Exportschlager. Bis nach Brasilien versuchten die Linksliberalen soziale Gerechtigkeit und unternehmerfreundliche Politik zu kombinieren. Jetzt aber hat der britische Schatzkanzler Gordon Brown das Projekt New Labour de facto begraben: Um das malade Gesundheitssystem (NHS) zu heilen, will er die Steuern erhöhen. Damit kehrt die britische Labour-Partei zu ihrer altvertrauten Politik zurück und besiegelt das Ende des Thatcherismus. Die Frage ist nur, ob ihr das gut tut.

Tony Blairs Neuerfindung der Arbeiterpartei Mitte der neunziger Jahre diente vor allem dazu, beim Wähler wieder Glaubwürdigkeit zu erlangen. Der wirtschaftspolitische Liberalismus der Marke Thatcher hatte in Großbritannien eine Atmosphäre geschaffen, in der politische Parteien daran gemessen wurden, wie kräftig sie Steuern senkten. Labour aber wollte die Steuern nicht senken. Die Folge waren 18 Jahre im politischen Abseits - obwohl das Land unter Margaret Thatcher die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit erlebte. Um sich von dem Stigma der Steuererhöhungspartei zu befreien, bewegte sich Labour deshalb nach rechts.

Drei Jahre später vollzieht die Regierung nun erneut die Wende. Das Gesundheitssystem braucht mehr Geld, und das will der Schotte im Schatzkanzleramt mittels höherer Steuern einstreichen. Alternative Finanzierungsmodelle wie das amerikanische Konzept der privaten Versicherung oder die auf dem europäischen Festland übliche Version der Sozialversicherung lehnt er von vornherein ab. Dazu muss man wissen, dass die Einführung des nationalen Gesundheitswesens 1949 durch Labour-Premier Clement Attlee noch heute als die größte Leistung in der Geschichte der Partei gilt. Diese heilige Kuh wollen Blair und Brown nicht schlachten. Medikamente, Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte sollen weiterhin für alle Bürger kostenlos sein - und daher vom Staat finanziert werden. Aber ist das überhaupt möglich, ohne den Haushalt zu überfordern?

Selbst mit höheren Steuereinnahmen dürfte sich der Geldhunger des britischen Gesundheitswesens so schnell nicht stillen lassen. Zu groß sind die Finanzlücken - und die haben sich unter der Regie von New Labour noch vergrößert. Eines der klangvollsten Wahlversprechen von New Labour war, die Wartelisten in den Krankenhäusern zu verkürzen. Das Gegenteil ist geschehen. 44 000 Briten warten derzeit schon länger als ein Jahr auf ein Krankenhausbett. Vor Labours Regierungsübernahme waren es 31 000. Blairs Politik war gekennzeichnet von der Angst, altbacken sozialdemokratisch zu wirken. Folglich kürzte er die Ausgaben für den NHS kontinuierlich. Im vergangenen Jahr fiel der Gesundheitsetat nach Berechnung des Institute for Fiscal Studies (IFS) auf den niedrigsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Sogar Blairs konservativer Vorgänger John Major investierte Anfang der Neunziger mehr in den NHS.

Blair aber weiß, dass seine politische Zukunft von einer besseren medizinischen Versorgung der Briten abhängt. Viele Briten erwarten sie - vom Staat. Deshalb versprach der Premier, die Gesundheitsausgaben bis zum Jahr 2006 auf den europäischen Durchschnitt von 9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anzuheben (derzeit sind es in Großbritannien 6,8 Prozent). Das würde bedeuten: vier Milliarden Pfund (13 Milliarden Mark) extra jedes Jahr. Auch die bestehenden Steuersätze könnten die dafür benötigten Einnahmen durchaus in die Kassen spülen - allerdings nur, wenn die ökonomischen Prognosen der Regierung eintreffen. Denen zufolge wird die britische Wirtschaft im kommenden Jahr um 2 bis 2,5 Prozent wachsen, im Jahr darauf um 2,75 bis 3,25 Prozent. Angesichts der derzeitigen Lage der Weltwirtschaft teilen wenige Ökonomen diese Zuversicht. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwartet für 2002 nicht mehr als 1,7 Prozent Wachstum auf der Insel, und auch die englische Zentralbank hält zwei Prozent für optimistisch. Dabei ist die Haushaltslage schon jetzt schlecht genug. Anstatt des erwarteten Überschusses von sechs Milliarden Pfund sagen die obersten Finanzbeamten Ihrer Majestät für Ende 2001 ein Defizit von 2,5 Milliarden Pfund voraus. In den nächsten vier Jahren soll es sogar auf 13 Milliarden Pfund anschwellen.

Eine realistischere Rechnung sähe so aus: Allein um die bisher versprochenen Ausgaben für Bildung, Transport und Verteidigung unter der Last steigender Verschuldung zu finanzieren, müssten jedes Jahr vier Milliarden Pfund zusätzlich her. Um dann noch genug Geld für die Neuinvestitionen in das Gesundheitssystem zu haben, braucht die Regierung in den kommenden Jahren zusätzliche Steuereinnahmen von 21 Milliarden Pfund.

Da sind die geplanten Ausgaben noch sehr knapp berechnet. Der tatsächliche Investitionsbedarf dürfte bei weitem höher sein. Es ist fast vierzig Jahre her, dass Großbritannien so viel Anteile in die Gesundheit investierte wie die Kontinentaleuropäer. So entstand ein Investitionsrückstand von 270 Milliarden Pfund.