Jürgen war ein Prachtexemplar von einem Käfer. Seine stammesgeschichtliche Herkunft als deutsches Militärfahrzeug nur mühsam durch seine von der Sonne zerschossene orangefarbene Lackierung verleugnend, tat er seinen Dienst stets zuverlässig, ja geradezu servil. Jürgen war ein Typ, der immer alles gab. Alles, was er aus seinen 1200 Kubikzentimetern herausholen konnte. Er war eines jener Sparmodelle, die mit legendären acht Litern auskamen, während seine Verwandtschaft aus üblen Säufern bestand, die von 12, 13 Litern die Hälfte am Vergaser verschlabberten.

Käfer fahren galt als Lebenseinstellung, auch wegen der unaggressiven Motorisierung. Bei Vmax = 130, pfeifenden Fenstern und einem dröhnenden Vierzylinder-Boxer konnte man Eile von vornherein vergessen. Schon damals schwärmten Käfer-Veteranen von Reservehebeln oder Bakelitlenkrädern. Egal, ob Brezelscheibe oder Mexikomodell - für alle galt: Ziel und Weg waren irgendwie dasselbe.

Von mir aus hätten Jürgen und ich unsere Wege bis heute teilen können. Doch eines Tages machte er einen verhängnisvollen Fehler: Während eines Umzugs hatte ich einen Teil meiner Plattensammlung hinter den Fahrersitz gestellt; die Heizung - die noch nie funktioniert hatte - erinnerte sich plötzlich ihrer Existenz und zerschmolz mir fast 100 meiner absoluten Lieblinge.

Die Trauer um Sly Stone, Curtis Mayfield und Wes Montgomery saß zu tief. Ich stellte Jürgen wieder bei Wolfgang ab und sagte: »Ich will ihn nicht mehr, nimm du ihn.«

Heute, 13 Jahre später, steht dieser metallic-blaue Gnubbel vor der Tür, der aussieht, als hätte jemand eine Hand voll Knete durch ein Grafikprogramm gejagt. Eigentlich erinnert der New Beetle mehr an einen Frosch als an ein Insekt. »Ich will nur spielen«, scheint das Gesicht mit den herzigen Kugelaugen-Scheinwerfern zu sagen. Aber das - und auch die kleine Blumenvase am Armaturenbrett - sollte nicht täuschen: Unter dem Runden wohnt das Eckige - eine weitgehend an den Golf erinnernde Technik und Ausstattung. Vergeblich werden Nostalgiker die Klappe über dem gut zwei Getränkekästen fassenden Kofferraum öffnen und nach dem Ölstab suchen. Motor und Antrieb sind vorn.

Unterm Kuppeldach reicht der Platz für Pompadour-Perücken

Ein paar Details erinnern an früher: ein Rest der legendären Seitenwindempfindlichkeit etwa oder die Halteschlaufen für die hinteren Passagiere. Auch die Möglichkeit, den Wagen einfach mit den Knien zu lenken, wenn gerade mal keine Hand frei ist, gibt es noch. Beim Käfer lag das an dem großen Lenkrad, beim Beetle genügt es, wenn sich ein etwas größerer Mitteleuropäer hineinsetzt. Auch wenn er den Fahrersitz ganz nach unten und das Lenkrad ganz nach oben stellt: Zwischen Lenkrad und Bein passt keine Hand durch. Dafür hat er dann unter dem runden Kuppeldach eine Kopffreiheit, die für Pompadour-Perücken reicht. Der Transport von Erwachsenen auf der Rückbank sollte allerdings durch eine Genfer Konvention geächtet werden.