Hatte Ebenezer Scrooge womöglich doch Recht? "Weihnachten? Pah, dummes Zeug!", pflegte der Fiesling aus der Londoner Finanzwelt in Charles Dickens' Weihnachtsmärchen A Christmas Carol zu sagen. Scrooge war ein unangenehmer Zeitgenosse des frühen 19. Jahrhunderts, ein raffender, habgieriger, aus dem nie ein edelmütiger Funken schlug. Hitze und Kälte hatten wenig Einfluss auf ihn: Nichts konnte ihn erwärmen, kein winterliches Wetter ihn erkälten, kein Wind war schneidender als er und kein Platzregen der Bitte unzugänglicher. Das schlechte Wetter, sagt Mr Dickens, wusste nicht, wo es Scrooge etwas anhaben sollte.

Würde Ebenezer Scrooge als moderner Merchant-Banker seine mitleidlosen Schritte in die Londoner Innenstadt lenken, so fände er seine Verachtung für alles Weihnachtliche aufs Schrillste bestätigt. Eine Orgie von Glühlämpchen taucht die Straßen, Häuserfassaden, Weihnachtsbäume und Plätze in konsumstimulierenden Glanz, jedes Schaufenster, jede Werbefläche in der U-Bahn, jede Litfaßsäule scheint zu rufen: Kauft! Liebe heißt kaufen! Schenken ist Liebe! Kauft Harry-Potter-Besen aus Plastik! Kauft Mickymaus-Hausschuhe! Kauft Kunstpelzbezüge für Wärmflaschen! Kauft Kochbücher, kauft Theatergutscheine! Und wenn ihr das alles nicht bezahlen könnt: Lasst euch doch mit einer Sonderhypothek von der Hongkong und Shanghai Banking Corporation beschenken! Sonderüberziehungskredit hier! Weihnachtsdarlehen dort! Geld! Geld! Die nicht kreditwürdigen Bettler und Obdachlosen, man sieht viele auf den Trottoirs, postieren sich neben den Kleinaltären des Kults, den Bankautomaten. Und die Damen, die vor den Kaufhäusern für moderne charities sammeln, nehmen "leider" nur Scheine.

Es würde den alten Scrooge vielleicht verwundert haben, die einstige Börse von London in eine Shopping-Mall verwandelt zu sehen, in der Designerkrawatten, Silbergegenstände unklarer Zweckbestimmung und genoppte Straußenlederschuhe für Herren feilgeboten werden und wo die Jeunesse dorée der Finanzwelt abends kostspielige Weihnachtsfeiern mit Champagnercocktails abhält. Auch dürfte er zweifelnd auf die vielen Starbucks-Kaffeeausschänke, Suppen- und Saftbars geblickt haben, sehr einverstanden einerseits mit dem Gedanken, dass die Angestellten dort ihren Hunger und Durst schnell, ohne Zeitverlust durch unnützes Kauen stillen - und andererseits fest überzeugt davon, dass es nichts anderes als grauenhafte Verschwendung sein könne, Haselnusssirup in einen Caffè Latte zu gießen. Seinen eigenen Gehilfen, das darf man nicht vergessen, hielt Scrooge in einer Art Regentonne und zahlte ihm fünfzehn Schilling die Woche, was den unglücklichen Mann, Bob Cratchit mit Namen, zu dem machte, was man in Labours England working poor nennt. Neun Millionen Menschen müssen heute in Großbritannien mit weniger als 40 Prozent des monatlichen Durchschnittsverdienstes auskommen. Die Gehilfen in den Banken und Versicherungen gehören freilich nicht mehr dazu; jedenfalls verdienen sie augenscheinlich genug Geld, um es für Paul-Smith-Anzüge und Gucci-Mappen zum Fenster hinauszuwerfen.

Jenen wohltätigen Gentlemen, die ihn um milde Gaben ersuchten, erklärte Scrooge unwillig, er gönne sich selbst am Christfest nichts und könne darum auch für die Armen nichts erübrigen. Seinem Neffen beschied er, jeder Dummkopf, der mit einem "Frohe Weihnachten" auf den Lippen umhergehe, solle in seinem eigenen Pudding gekocht und mit einem Stechpalmenzweig im Herzen begraben werden. Das Potenzial des Weihnachtsfestes gerade für das Kreditwesen muss zu seinen Zeiten noch eine geringere Rolle gespielt haben als heute. Weihnachten? Pah, dummes Zeug!

Der Not fehlt jeder romantische Charme

Scrooge wurde, wie wir wissen, schließlich geläutert. Es erschienen ihm die drei Geister der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht und führten ihm mit allem Nachdruck vor Augen, wie es ihm ergehen könne, wenn er fortfahre in seiner Hartherzigkeit und Raffgier: Einsam, freudlos, ohne Freunde werde er sterben, Jubel bei seinen Schuldnern hinterlassend und Gleichgültigkeit bei seinen Kollegen, selbst sein Totenhemd am Ende von Dieben verscherbelt an einen schmierigen Trödler. Er müsse sich der Not seiner Mitmenschen annehmen, bedeuten ihm die Geister. Um ihn zur Umkehr zu bewegen, zeigen sie ihm die tiefe Kluft zwischen den Elendsvierteln und der reichen City, zeigen ihm auch die winzige und armselige Wohnung seines Gehilfen Bob Cratchit, dessen Los er, Scrooge, so leicht hätte verbessern können.

Man braucht indes nicht an der Hand der Geister nach Campden Town zu fliegen, um diese Lektion zu lernen. Es genügt, wenn man, von der Börse kommend, Cornhill und Leadenhall entlangwandert, vorbei an den Palästen der Banken und Versicherungen, vorbei am liebevoll renovierten Leadenhall Market, einem ehemaligen Fleischmarkt, wo der Lord Mayor von London und seine Bürobesatzung zu Ehren einer neu eröffneten Marks&Spencer-Filiale Weihnachtslieder singen, wo aus demselben freudigen Anlass mince pies und Glühwein verteilt werden, wo ein Schuhputzer von der Traditional Victoria Shoe Shine Company den Gentlemen aus der Finanzwelt die schwarzen Todd's poliert.