Dass man nichts Gewisses wisse, zu dieser Erkenntnis sind nicht nur Philosophen gelangt. Ob wir alles träumen, ob um uns her die Welt real ist oder von einem göttlichen Potemkin erdacht - ganz sicher sind wir all dessen nicht. Schon Platon grübelte in seiner Höhle über Schein und Sein, Original und Virtualität.

Morgenstern ist noch besser. Er ist tiefsinnig und vor allem voll Witz. Ein blonder Korken beispielsweise spiegelt sich in einem Lacktablett, sieht sich aber nicht, weil er senkrecht steht zum Spiegelbild. Nur seitgeneigt wäre es möglich: "O Mensch, gesetzt, du spiegelst dich / im, sagen wir, im All! / Und senkrecht! - wärest du dann nicht / ganz in demselben Fall?" Denkbar wäre es. Und dann gibt's da noch den kleinen Löffelzwerg, den vom gegenüber gelegenen Berg ein Mensch mit Fernglas beobachtet. "Ihn aber blickt hinwiederum / ein Gott von fern an, mild und stumm." So Morgenstern, ein Poet und Weltweiser.

Nun aber Don DeLillo: viel bestaunter amerikanischer Romanautor und hin und wieder auch Dramatiker. Der Tag Raum ist der Titel seines Stücks, das schon vor Jahren in New York durchfiel. Mit Schattenboxen, mild und stumm, beginnt es in einem Krankenzimmer: Lambert Hamel lässt die Arme gleiten (Training: Corina Zuber), und weil ein zweites Bett im offenen Raum steht, begibt sich jetzt ein weiterer Patient (Jens Harzer) dort hinein, und es spinnt sich bald, wie so oft in Theatern, ein Dialog über nichts und die Welt an. Trocken, ping-pong, Satz und kein Sieg; denn auf geht die Tür und Mr Grass (Oliver Nägele) schlenzt herein, angekabelt an einen bizarren Infusionskran: "Es reinigt meine Flüssigkeiten. Oder ist meine Flüssigkeiten."

Der Mensch ist nicht mehr er selbst. Kaum haben wir uns eingehört in das Hin und Her der Scherzchen, tritt eine Schwester hinzu, proper im Mini. Ah, denkt es in uns, jetzt kommt der Doktorsketch mit dem A-Löffelchen: "Machen Sie Aaaa!" Aber nein, ein neuer Sketch: Sie kabelt Mr Grass ab und schiebt ihn raus, zurück in die Psychiatrie, den "Arno-Klein-Flügel" gleich nebenan. Seltsames Hospital. Ein Doktor tritt hinzu. In der Folge gibt es Dialoge über Kranke und Gesunde - und die Welt an sich und wie unsicher doch dieses und jenes sei. Schon kommt die nächste Schwester, erklärt, jene beiden da seien unecht, weil (was sonst) aus dem "Arno-Klein-Flügel" ausgebüxt. Wenn keine Irren und andere Mediziner auftreten, müssen die beiden Patienten allein reden; sie tun das in Kabaretthalbsätzen voll ulkiger Nichtigkeit, bis der nächste Doktor vorbeischaut, die nächste falsche oder richtige Schwester. Dann ist Pause.

Danach ist aus dem gleichen Raum - dem Text zufolge - ein Motelzimmer geworden, bevölkert (Tür auf, einer raus, einer rein: Tag, Herr Doktor!) von denselben Figuren, die eben falsche Ärzte, vielleicht auch falsche Patienten mimten. Jetzt sind sie Motelgäste oder Personal und suchen dringend die "Arno-Klein-Theatertruppe" mit ihrer aufregenden Vorstellung. In London soll sie sein - oder in Amsterdam? Sechs Personen suchen jedenfalls ein Theater, finden aber nur einen Mann in Zwangsjacke, der Fernsehapparat spielt und per Fernbedienung die Sätze tauscht. Es ist furchtbar.

Spiegelfechterei ohne Spiegel

Da hockt man also zweieinhalb Stunden in einem gut beheizten Theaterraum und erfährt, wie peinigend es sein kann, wenn ein Autor mürb-spaßige Dialoge mit Bedeutungsblei beschwert, wenn Irrenwitze als Metaphysik gehandelt werden. "Die sagenhafte Theatertruppe, die durch das Stück geistert, ... zu erkennen heißt, die Trennung von Realität und ästhetischem Spiel aufzuheben, heißt, die passive Position des Zuschauers aufzugeben und die alltäglichen Details und Vorgänge bewusst und benennbar aufzunehmen", schreibt Dramaturg Ruckhäberle.