Die letzten Kilometer ans Ende der Welt sind ocker und grau. Die Straße sieht aus, als ob Menschen auf dem Mond einen Weg angelegt hätten. Bleiern drückt der Himmel auf die sanft geschwungenen, aber kahlen Hügel, die zum Meer hin abfallen. Ein Feuer hat diesen Sommer fast alles, was hier an der Südspitze des mittleren Peloponnes-Fingers, der Halbinsel Mani, zu existieren versuchte, ausgelöscht. Dürre, schwarze Äste hängen jetzt trostlos im Nichts. Auf dem Boden liegen Würmer, die glasiert schimmern und knacken, wenn man auf sie tritt. Es sind keine Vögel in der Luft, keine Insekten, nicht einmal Fliegen, aber das könnte auch am Regen liegen.

Ein Wegweiser zeigt den Abgrund hinunter. Gelb auf schwarz steht darauf »XXX«. Nur der Eingeweihte weiß: Hier geht's zur Höhle des Hades, sagenumwobene Endstation der Seelen. Das Schattenreich. Nach allem, was man heute annimmt, ging keiner gerne dort hin. Denn der Aufenthalt in der Unterwelt war keine Freude und schon gar keine Erlösung. Die Toten waren dazu verdammt, stumm und monoton und ohne Bewusstsein jene Dinge zu verrichten, mit denen sie sich schon als Lebende herumschlugen. Es muss chaotisch zugegangen sein am Eingang zur Unterwelt. Da waren jene, die rausdrängten und vom fünfköpfigen Höllenwachhund Zerberus in Schach gehalten wurden. Und jene, die rein wollten, aber nicht durften, weil sie nicht beerdigt worden waren. Denn schlimmer noch, als in der Unterwelt zu sein, war es, seelenlos vor ihrem Eingang umherzuirren.

Wer heute dem Wegweiser folgt, kommt an eine Bucht, an der nichts zu sehen ist, außer schwarzen Steinen, von Öl gefärbt. Wahrscheinlich eine Havarie, zwei, drei Seemeilen weit draußen auf der Schifffahrtsstraße nach Afrika; und ungünstiger Wind. Der Eingang zur Unterwelt liegt in der nächsten Bucht. Eine deutsche Kleinfamilie sitzt am Wasser. Kein Totenfluss, nur Schwimmringe, Badetücher, Tee aus Thermosflaschen, griechische Supermarkttüten, eine Bild-Zeitung von vorgestern und Sprachfetzen, Hessisch vielleicht. Die Höhle liegt weiter oben, versteckt.

Welkes und weniger welkes Klopapier hat sich in den Büschen des etwa 10 Quadratmeter großen Vorplatzes verfangen. Eigentlich sollte eine weiße Zypresse hier gedeihen. Dies verspricht zumindest die Grabplatte von Petiglia, auf der die Anhänger Orpheus' (der nicht nur Musiker und unsterblich verliebt in Euridyke war, sondern auch Priester und Philosoph) Ratschläge für den Weg ins Totenreich gaben. Links vom Haus des Hades, steht da, »wirst du eine Quelle finden und daneben eine weiße Zypresse«.

Immerhin trotzt ein prächtig gedüngter Laubbaum dem Vergehen. Rechts von ihm liegt die ovale Höhle, vielleicht neun Meter breit, drei Meter tief, rauchgeschwärzt. Preisgegebenes Fischerzeug liegt nachlässig herum und getrockneter Ziegenkot. Man ist nicht der Erste, der hier den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit so klar zu spüren bekam. Schon vor knapp 1800 Jahren bemerkte der antike Reiseschriftsteller Pausanias leicht angesäuert, dass durch die Höhle kein Weg in die Erde führe und man nicht leicht glauben könne, dass es eine unterirdische Wohnung der Götter gebe, in der sich die Seelen versammelten. Der Eingang in die Unterwelt ist in Wahrheit das letzte Loch. Der Dichtung viel näher kämen die Höhlen von Pirgos Dirou. 20 Kilometer weiter nördlich. 30 000 Touristen lassen sich jährlich auf kleinen Booten von einem Fährmann durch die eindrucksvolle Welt aus Stalagtiten und Stalagmiten geleiten, während hierher kaum jemand findet.

Das frische Klopapier ist denn auch im Zweifelsfall von der deutschen Familie, die nicht aus Hessen, sondern aus Sachsen stammt. Ja, die Höhle sei ein Witz, und zwar wie so vieles hier, sagt Ludwig, das Familienoberhaupt. Man muss die Familie verstehen. Ein befreundetes Paar aus dem Westen gab ihnen vor fünf Jahren den Tipp, diesen Landstrich zu besuchen. Nichts ist aber so, wie das Paar erzählt hat. Dass sich hier nämlich das Ende der Welt befände, und zwar das schöne.

Neun Häuser, die meisten mit geschlossenen Fensterläden, stehen am Ende der Straße, die zur Hades-Höhle führt. Darunter eine Fast-Food-Taverne mit happigen Preisen. Und eine Wagenburg, die eine Gruppe von Wohnmobilreisenden auf der verbrannten Erde improvisiert hat. Erst vor wenigen Jahren hat der Tourismus Fuß gefasst, ganz bescheiden. In die Innere Mani, ganz in den Süden, kommen Wanderer, Liebhaber der byzantinischen Kirchen und düsteren Wehrtürmen, Menschen, die das archaische Griechenland suchen und beim Anblick von Verfall sentimental werden.