Was die amerikanische Flagge alles mitmacht. Man kann sie, wie derzeit in New York Mode, jeglicher Art von Lifestyle-Artikeln einstanzen. Sie lässt sich aber auch auf Autotüren spritzen, in Gesichter malen, mit der Tätowiernadel injizieren, als Jeansjacke tragen oder zu winzigen Dreiecken zurechtschneiden, die die intimen Teile von Provinzmädchen notdürftig bedecken.

Letzteres ist mehr die Detroiter Art. Kalt war's, als Kid Rock die Söhne und Töchter der Stadt zur Teilnahme an seinem jüngsten Musikvideo aufrief, doch alle haben sie sich auf den Weg gemacht, die Biker mit ihren Harleys, die HipHop-Jungs in ihren Daunenjacken, die Mützenträger, Mittelfingerzeiger, Refrainmitgröler, natürlich auch die Cheerleader. "Show your tits if you're a girl, drink some beers if you're a guy", lautete die vorab ventilierte Devise. Wenn den Bildern zu trauen ist - und wer misstraut in den USA Bildern? -, dann wurde ihr mit geradezu patriotischem Einsatz nachgekommen.

Breitbeinig und beherzt

Zu den Klängen des Rap-Metal-Titels Forever sieht man das weiße Detroit grillen, strippen, sich in den Dreck schmeißen, immer mit dem sternengesprenkelten Banner im Hintergrund oder am Leib. An sich nichts Besonderes im Mittleren Westen, wäre Kid Rock nicht längst mehr als ein Provinzfetengouverneur. Er ist ein Pfund, ein Phänomen. 12 Millionen verkaufte Platten, das macht sexy und ist selbst für die großstädtischen Magazine ein Grund, ihn auf ihre Titelblätter zu hieven. Die dazugehörigen Geschichten versuchen zu ergründen, wie ein fusselbärtiger Bierbauchträger mit fettigen Haaren und jener Art Mittelscheitel, die spätestens seit John Lennons Tod aus der Mode gekommen ist, zum Mainstream-Star und Mann der Stunde avancieren konnte.

Es muss mit einer Reduktion aufs Wesentliche zu tun haben. Cocky hat der Kid sein gerade ausgeliefertes neues Album genannt, was, neben der wörtlichen Bedeutung (Schwanz), so viel besagt wie großspurig, breitbeinig, beherzt: Eigenschaften, die in jüngster Zeit nicht gerade im Kurs gefallen sind. Schon damals, als die USS Cole in einem jemenitischen Hafen beinahe von einer Terroristenbombe versenkt worden wäre, sollen bloß zwei Stücke an Bord gespielt worden sein: die Nationalhymne und Kid Rocks American Bad Ass, eine Wir-lassen- uns-das-Feiern-nicht-verbieten-Nummer von durchschlagender Eingängigkeit. In den vergangenen Wochen war es wiederum Kid Rock, der auf MTV die richtigen Worte fand. "Ich fühle dasselbe wie der Typ am Fließband, der Bauarbeiter, der Präsident oder jemand, der sein Kind alleine großzieht", sinnierte er in die Kameras, "ich denke, wir alle fühlen irgendwie dasselbe". Schöner hätte es der Präsident selbst auch nicht sagen können.

In Kid Rock besinnt sich Amerika auf unverbrüchliche Werte: Wehrhaftigkeit, Gemeinschaftsgefühl und Rock 'n' Roll. Und weil man sie in Städten wie New York oder Los Angeles nicht mehr in Reinkultur findet, müssen sie eben aus der Provinz reimportiert werden. Robert James Ritchie, wie Kid Rock im bürgerlichen Leben heißt, verkörpert die Denkungsart des poor white trash. Detroit, Michigan, das hat er in Interviews immer wieder betont, ist seine Stadt, Arbeitslosigkeit und Niedergang hin oder her - schließlich gibt es dort vier Football-Stadien. Wenn er Reporter in seiner 40 Meilen außerhalb gelegenen, im Trapper-Barock errichteten Villa empfängt, zeigt er ihnen stolz den massiven Eichenschreibtisch, das Multimediazimmer mit den neuesten Konsolen, den Jacuzzi auf der Terrasse. Er legt aber auch Wert auf die Feststellung, nicht Hollywood-Bob zu sein, sondern einer der am härtesten arbeitenden Männer im Showgeschäft, im Grunde seines Herzens ein Jedermann, der gern abends nach Hause kommt, wo er die Beine bei einer guten Dose Budweiser hoch legt.

Dass die Popkultur sich in Krisenzeiten aus Ressourcen des Hinterlands speist, ist nichts Neues. Die derzeit enorm erfolgreichen New-Metal-Bands stammen durchweg aus kleineren Städten, gerade das fromme, platte Land hat immer wieder eine starke Satanistenfraktion hervorgebracht, und Eminem, das Käsegesicht des weißen Rap, ist auch stolz, ein Detroiter zu sein. Sie alle appellieren an die Gefühle von Modernisierungsverlierern, doch keiner hat in den letzten Jahren so dreist, plakativ und gleichzeitig medienbewusst mit amerikanischen Archetypen gespielt wie Kid Rock. Nach innen präsentiert er sich als Entrepreneur und Vertreter von Familienwerten (etwa indem er seine Combo, die Twisted Brown Trucker Band, jetzt, wo die Investitionen drin sind, an den Gewinnen beteiligt), draußen in freier Natur lässt er sich gern mit Flinte porträtieren. Nicht dass er unablässig damit herumballern würde, doch wenn der Verteidigungsfall eintritt ... Kiss my ass, Osama bin Laden!