Trifft ein Hirte einen Weihnachtsmann und zeigt ihm einen Stern. Der strahlt über dem Stall, in dem sich Josef und Maria niedergelassen haben. "Siehst du das?", fragt der Hirte. "Klar", antwortet der Weihnachtsmann. "Ein Flugzeug." Die Weihnachtsgeschichte im Jahr 2001, inszeniert in einem leer stehenden Plattenbau im Ostberliner Stadtteil Hellersdorf. Die Schauspieler, ungefähr so alt wie die Einheit, blödeln und kauen ihre Kaugummis.

Pfarrer Bernd Siggelkow hat die biblische Handlung aufgemotzt. Er selbst gibt den Erzähler im Hintergrund. "Josef raufte sich die Haare und beschloss, sich von Maria zu trennen", liest er vor. "In dieser Zeit galt es als Schande, wenn eine unverheiratete Frau schwanger war. Es drohte die Steinigung."

In Berlin-Hellersdorf muss man solche Zusammenhänge genau erklären. Allein im vergangenen Jahr wurden 53,8 Prozent aller neugeborenen Kinder von unverheirateten Müttern auf die Welt gebracht. Hier ist die Mutterschaft ohne Trauschein nicht die Ausnahme, sondern die Norm - und die klassische Kleinfamilie ein Modell für Minderheiten. Nirgendwo in Deutschland ist der Anteil der "nicht ehelich Geborenen", wie es im Amtsdeutsch heißt, so hoch.

Familien haben es in Hellersdorf schwer. Dabei gehört der Plattenbau-Bezirk im Berliner Osten nicht einmal zu den sozialen Brennpunkten wie Teile von Kreuzberg oder Neukölln. Trotzdem reicht es oft nicht für das Nötigste. An Werktagen kommen mittags bis zu 150 Kinder zu einer kostenlosen Armenküche, die Pfarrer Siggelkow organisiert. In der Schule sagen Kinder schon mal "Sozialhilfeempfänger", wenn die Lehrerin nach den Wunschberufen fragt. Im "Nachbarschaftshaus" des Jugendamtes erkundigen sich Kinder bei ihren Erziehern traurig, warum sie denn nicht am Heiligabend in die Kreativwerkstatt zum Basteln kommen dürfen. Offenbar gefällt es ihnen dort besser als zu Hause. "Das Hauptproblem hier ist nicht materielle, sondern soziale Armut - man kann es auch Verwahrlosung nennen", sagt Eckhard Kienast, der Leiter des Nachbarschaftshauses.

Kinderarmut. Neu ist es nicht, dass von Jahr zu Jahr mehr Minderjährige Sozialhilfe beziehen. Von einer "Infantilisierung der Armut" sprechen Fachleute seit Ende der achtziger Jahre. Die Rentendebatte hat das Bewusstsein für das Problem geschärft. Weil monatelang über Generationengerechtigkeit und die Einkommen von heutigen und künftigen Rentnern gestritten wurde, kippte allmählich die Vorstellung, Armut sei vor allem ein Problem alter Menschen. Im Frühsommer dieses Jahres dokumentierte dann auch noch der Armutsbericht der Bundesregierung, dass schon 1998 in Gesamtdeutschland 1,1 Millionen Kinder von der Stütze lebten. Die hohe Zahl war keinesfalls ein rein ostdeutsches Phänomen: In Westdeutschland verdreifachte sich der Anteil seit 1980. Die Sozialhilfequote, die misst, welcher Teil der Bevölkerung Hilfe bekommt, ist mit 6,8 Prozent für Kinder fast doppelt so hoch wie für Erwachsene.

Neu ist allerdings, wie vehement auch diejenigen bessere Leistungen für Familien fordern, die sonst generell für einen Rückzug des Sozialstaats plädieren: ordoliberale Ökonomen zum Beispiel oder auch die FDP. Die fünf Wirtschaftsweisen wollten einen Sonderteil ihres jüngsten Sachverständigen-Gutachtens dem Familienthema widmen und darin eine Ausweitung öffentlicher Kinderbetreuung fordern. Dann kamen die Terroranschläge vom 11. September dazwischen.

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle behauptete beim Nürnberger Parteitag im Juni 2000, "dass Nächstenliebe und Herzensbildung liberale Kategorien sind", und erklärte die Sorge um Kinder von Sozialhilfeempfängern zum Anliegen seiner Partei. Den Liberalen gehe es um Chancengleichheit. Jeder soll die Möglichkeit haben, aus seinem Leben etwas zu machen. "Das Lebensumfeld dieser Kinder und der Mangel an Anreizen zu eigenverantwortlichem Handeln sind für das weitere Leben häufig prägend", heißt es im Leitantrag der FDP.