Die Verkaufsgalerie ist ein Gegenentwurf zu den Treffpunkten elitärer Kunstzirkel. Einkaufsbummler auf dem Weg vom Footlocker zur Cappuccino-Bar gegenüber geraten fast unweigerlich in die Ausstellung hinein, Glaswände signalisieren Offenheit, es gibt keinerlei Schwellen, die die nach ihnen benannten Ängste auslösen könnten. Entsprechend gut besucht ist der Markt im weihnachtlichen Kaufrummel: Beladen mit H&M- und DKNY-Tüten, durchstöbert die Laufkundschaft die Sonderangebote. »Ich bin mir sicher«, sagt die freundliche Verkäuferin an der Kasse, »dass die meisten unserer Kunden noch nie eine Galerie betreten haben.«

Entspannt lässt es sich hier nach teppichkompatiblen Wandbehängen suchen - oder auch, leicht verdattert durch diese Kollision von Kunst und Kommerz, über das Wesen der Kunst reflektieren.

Auf den ersten Blick wirkt die Präsentation der Kunstpreisknaller etwas lieblos: In gleißender Eurospar-Neonbeleuchtung, aufgereiht wie Dosensuppenregale, stehen ein paar Dutzend Sperrholzkästen nebeneinander: Für jeden Künstler eine Kiste. Darin postkarten- bis posterformatige Leinwände, zum Durchblättern. Die meisten Werke gibt es gleich in fünf bis zehn kaum voneinander abweichenden Varianten. Ganz vorn in jeder Kiste findet sich ein Blatt mit einem Lebenslauf des Urhebers, inklusive Lichtbild. Aus den Biografien geht hervor, dass viele Architekten ihre Kreativität gern außerhalb ihrer Bauprojekte entfalten, Entsprechendes scheint für Ärzte und Lehrerinnen zu gelten.

Die Summen auf den knallroten Preisaufklebern scheinen auf Quadratzentimeterpreisen zu basieren: Für 99 Mark gibt's die Postkartenformate, über DIN-A-4-Gemälde für 199 Mark geht es hinauf zu Großformaten für 399 Mark. Die ganz große Kunst kostet hier durchweg 599 Mark.

Feinere Qualitätsunterschiede werden in der Preisgestaltung nicht berücksichtigt. Stellt sich ein Motiv als Verkaufsschlager heraus, erklärt die Verkäuferin, werden sofort weitere Produkte aus derselben Serie nachgeordert; die Künstler sind über eine Provision an den Verkäufen beteiligt und liefern gern und schnell.

Wie es sich für einen Supermarkt gehört, ist auch dieser Laden Teil einer Kette: Der Marburger Kunsthistoriker Mario Terés importierte die Idee aus Barcelona und eröffnete vor drei Jahren den ersten Kunstsupermarkt in Frankfurt am Main - als zeitlich begrenzte, weihnachtliche Verkaufsaktion. Die findet dort gerade zum dritten Mal statt, weitere Ableger entstanden in Gießen und im schweizerischen Solothurn. Insgesamt werden in diesen Filialen laut Veranstalter »mehr als 8000 Unikate von 80 regional, national und international renommierten Künstlerinnen und Künstlern« angeboten.

Die Kunstsupermarktkette ist nur einer von vielen Anbietern bezahlbarer, nichtreproduzierter Kunstwerke. Produktive Trash-Künstler in Hamburg, Köln, Berlin liefern solchen Stoff in hohen Stückzahlen. Besonders deutlich ist dieser Trend in Berlin erkennbar: Als sich nach dem Mauerfall plötzlich quadratkilometerweise leer stehende Galerieräume auftaten (und zahllose Altbauwohnungen mit leeren, hohen Wänden), musste möglichst schnell möglichst viel Kunst her. Bereits im ausgehenden 20. Jahrhundert, also Jahre vor dem 1. Berliner Kunstsupermarkt, warb eine Untergrund-Galerie am Prenzlauer Berg für ihre Exponate mit dem Slogan »Brutal billig!« Über den Kunstsupermarkt gelangt dieses Konzept nun in den Mainstream.