Ohne die brillanten Porträts der Annie Leibovitz wäre die Popkultur heute nicht das, was sie ist. Zu ihrem Bildband Women, 1999 erschienen, steuerte ihre Lebensgefährtin Susan Sontag das Vorwort bei. Darin beschrieb sie es als ihr gemeinsames Arbeitsziel, zu zeigen, "wie wir sind": "Eine der Aufgaben der Photographie besteht darin, die Mannigfaltigkeit der Welt zu erschließen und unsere Sinne dafür auszubilden. Es geht nicht darum, Ideale zu präsentieren. Es gibt kein Programm, außer Vielfalt und Interessantheit." Das ganze Buch erscheint jetzt wie ein Vorbild des Familienlebens, welches seit der Geburt der gemeinsamen Tochter Sarah Cameron perfekt ist. Die unterschwellige Botschaft der Frauenbilder: Powerfrauen können alles! Nun stellt sich die Frage: Werden Sie, Annie Leibovitz, Starfotografin und längst selbst ein Star, ihr Privatleben abschotten können? Der Anlass dieser Überlegungen ist aus europäischer Sicht viel unspektakulärer, als es die helle Aufregung in Amerika vermuten ließe. Zwei reife Frauen leben als Familie zusammen, na und? Mutter mit 52? Wie Brecht im Kaukasischen Kreidekreis schrieb: "Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen."

Interessanter ist es da schon, dass die Privatsphäre einer Starfotografin durch eine Bildersperre geschützt werden soll. Zum Vergleich: Wie haben es ihre historischen Vorgänger gehalten? Aus der Geschichte fotografischer Familienbilder sind eindrucksvolle Beispiele von Zola, Strindberg und Magritte bekannt. Sie entstanden nicht für die Öffentlichkeit. Und obgleich sie von einem professionellen Standpunkt aus zumeist unvollkommen sind, enthalten sie Hinweise auf die Familie als seelisches Fundament - und dessen Bedeutung zumal für das innere Gleichgewicht öffentlicher Personen. Die Ikonen der Fotogeschichte haben sich ausführlich mit der Sphäre privater Gefühle beschäftigt: mit Zärtlichkeit, Sorge, Liebe, Trauer. Ob Rebecca von Paul Strand fotografiert wurde, Tina Modotti von Edward Weston oder Georgia O'Keeffe von Alfred Stieglitz - alle diese Bildserien sind durch die hohe Qualität ihrer Gestaltung nicht nur Privat-, sondern Menschheitsbilder. Das Intime wurde in ihnen zum universellen Thema.

Das Paradoxe daran ist: Die Fotografie, die per se danach giert, alles ans Licht zu bringen, kann auch ein Medium des Geheimnisvollen sein. Sie kann die Entfaltung des Intimen beobachten, ohne "alles" zu zeigen. Sie ist authentisch, wenn sie sich im vitalen Mittelpunkt befindet. Für Roland Barthes beruht das "Zweite Gesicht" des Fotografen auf seiner Anwesenheit an einem bestimmten Ort. Seine Intuition manifestiert sich im Ausharren. Die Big Brother- gesättigte Öffentlichkeit ist sich der Tatsache kaum noch bewusst, dass der Blick von außen die Geografie des Privaten verändert: Man bekommt immer eine Konstruktion serviert. Je mehr der voyeuristische Anteil zurückgedrängt wird, desto eher bleibt das Intime erhalten - auch wenn es als öffentliches Bild existiert.

Frau Leibovitz, eine Meisterin des Bildes wie Sie kann dem schnellen Schuss der Paparazziobjektive begegnen: Einfach, indem Sie selbst Bilder machen, die in der beschriebenen Tradition stehen. Öffentlichkeit ist nicht abzuschütteln, aber sie ist zu beeinflussen. Ihre Erfahrungen als Fotografin und Ihre neuen Erfahrungen als Mutter werden in das Ergebnis einfließen. Und fürchten Sie sich nicht vor Kitsch.