Der spektakulärste Auftritt findet am Ende statt. Schon lange hat keine Folge des Literarischen Quartetts so viele Kommentare auf sich gezogen wie die, die am Freitag vor dem dritten Advent ausgestrahlt wird. Das hat einen soliden Grund. Denn wenn nicht der Bundespräsident persönlich das Ruder herumwirft, wird es unwiderruflich das letzte Mal sein, dass wir am Bildschirm verfolgen dürfen, wie Marcel Reich-Ranicki und seine beiden Helfershelfer Iris Radisch und Hellmuth Karasek im Verbund mit einem eingeladenen Trittbrettfahrer fünf Bücher vor laufender Kamera besprechen. Der ehemalige Verlagsbuchhändler und derzeitige Bundespräsident Johannes Rau hat sogar die Tore seines Schlosses geöffnet, um für diesen Abend das literarische Milieu als Beileidschor der herzzerreißenden Abschiedsvorstellung zu empfangen. Man will sich in der Not gegenseitig schützen. Tränen und Säfte werden fließen. Pathos und Wehmut, zwei Inspirationsquellen, die in der langen Geschichte des Quartetts bisher nicht vorkamen, werden zugelassen werden.

Jetzt werden Bücher vernaddelt

Nach dem unvergessenen Horst Tappert als Derrick wird eine zweite stabile Mythe des Zweiten Deutschen Fernsehens in den Ruhestand geschickt. Im März geht dann Professor Stolte. Wenn es mit der Dekadenz des Hergebrachten so weitergeht, werden wir Älteren ganz den Stecker rausziehen müssen. Die Vorstellung jedenfalls, mit den Herren Raab, Kerner, Biolek, Beckmann und so weiter und den entsprechenden Damen bis an die Pensionsgrenze und lange darüber hinaus die ja nicht leichter werdende Realität ertragen zu müssen, ist eine alles andere als beglückende Perspektive. Mythen bewähren sich gerade dann, wenn sie Krisen überstehen. Da das deutsche Fernsehen aber trotz seiner beängstigenden Macht nur wenige Mythen geschmiedet hat, ist das Wegbrechen der sicheren Komplexe katastrophal. Es wird gewiss eine Zeit nach dem Literarischen Quartett geben, aber sie wird ärmer sein. Man wird sicher nicht als Pessimist denunziert werden, wenn man die Erfolgsgeschichte des Fernsehens als Verfallsgeschichte bezeichnet. Die rasante Zunahme der öden Gespächsrunden mit den immergleichen Personen aus der Politik- und Showbranche, die ihrerseits ihre Bekanntheit einzig und allein dem Fernsehen und nicht einer eigenen Leistung verdanken, sind ein deutliches Zeichen dafür, dass es öffentlich nichts mehr zu sagen gibt. Nichts gegen Naddel, Boris Becker, Verona Feldbusch oder Friedrich Merz. Aber dass diese an sich nicht besonders interessanten, zum Teil vollkommen ironiefreien Menschen, die nichts zu erzählen haben, den öffentlichen Diskurs bestimmen, ist mehr als deprimierend. Die erschütternde Ernsthaftigkeit, mit der dieser winzige Personenkreis ununterbrochen nach seinen aktuellen Lebensumständen befragt wird, wirft ein Licht nicht nur auf die Gesellschaft, die daran Anteil nimmt, sondern auch auf die Bewusstseinsverfassung der Fernsehmanager. Spaß muss sein, daran darf nicht gerüttelt werden. Aber macht dieser Spaß auch wirklich Spaß?

Nun wird also auch das Literarische Quartett geopfert. Und kein Ersatz weit und breit. In keinem andern Land Europas (der Welt?) existiert eine so intelligente Literaturkritik wie in Deutschland. Die italienischen, französischen oder englischen Autoren sind fassungslos, wenn man ihnen den Packen mit Rezensionen aus heimischer Produktion übergibt. Ihre Bücher werden hier oft mit einer Aufmerksamkeit bedacht, die ihnen zu Hause nur selten gewährt wird. Diese Literaturkritik findet vor allem in den Zeitungen statt. Was in den überregionalen, aber auch in den lokalen Buchbeilagen geleistet wird, lässt die anderen kulturellen Szenen vor Neid erblassen. Es kann nicht nur an unserer erfolgreichen Arbeit als Lobbyisten liegen, dass die besten Köpfe der Nation Buchbesprechungen schreiben, sondern auch an den Büchern selbst. Vielleicht gibt es an der Schwelle zu einem virtuellen Zeitalter tatsächlich kein anderes Medium, das die zentrifugal auseinander schießenden Ideen, ästhetischen Vorstellungen, kulturellen Perspektiven und politischen Überzeugungen besser zusammenhalten und präsentieren kann als das Buch. Selbst wenn es zutrifft, dass die intellektuell oder literarisch anspruchsvollen Werke nur noch von Minderheiten zur Kenntnis genommen werden und dass die Mehrheit, wenn man die kürzlich veröffentlichte Studie über das Lesevermögen der Kinder hochrechnet, sich einen feuchten Kehricht um geistige Probleme kümmert, selbst dann gibt es keinen Zweifel an dem substanziellen Wert, der in Büchern zu relativ moderaten Preisen zur Verfügung steht. (Ich rede hier natürlich nicht von der immer noch anschwellenden Kitschproduktion, der Vernaddelung auch der Buchprogramme, die parallel zur Vernaddelung des Fernsehens läuft - selbstverständlich mit denselben Protagonisten.)

Dieser substanzielle Wert kommt im mächtigsten Medium, dem Fernsehen, nicht vor. Von den vielen intellektuell anspruchsvollen Sendungen sind nur noch wenige übrig geblieben, und meistens führen sie in den dritten Programmen ein randständiges, finanziell prekäres Dasein. Der schrille Ton der Klage, der aus den Kulturredaktionen des Fernsehens dringt, läuft aber offenbar über eine Frequenz, die in den Büros der Programmdirektoren nicht gehört wird.

So gesehen war das Literarische Quartett eine der letzten kulturellen Sendungen von Rang. Weder den Historikern noch den bildenden Künstlern, weder den Sozialwissenschaftlern noch den Architekten, weder dem Theater, der zeitgenössischen Musik noch der Philosophie ist es gelungen, ein regelmäßig stattfindendes, prominentes Forum im Fernsehen zu besetzen. Wer so hoch sitzt, darf sich über Angriffe nicht wundern, und folglich stand das Quartett seit Beginn unter heftigstem Beschuss. In den ersten hundert angemeldeten Dissertationen wird analysiert werden, welche ökonomischen und welche seelischen Auswirkungen es gehabt hat. Sie waren, so weit dürfen wir vorgreifen, beträchtlich. Jetzt schon kursieren Listen all der Bücher, die nicht besprochen wurden. Auch die Irrtümer und Fehlentscheidungen sind in den Archiven festgehalten, die Beleidigungen und barschen Zurückweisungen. Vor allen Dingen Marcel Reich-Ranicki hat dafür gesorgt, dass Wunden geschlagen wurden, in die seine Kollegen dann Salz streuen durften.

Aber er ist eben auch dafür verantwortlich, dass die Sendung überhaupt so lange ausgestrahlt wurde. Wenn er den Finger hob und lobte, begannen oft genug Karrieren. Javier Mar"as oder Harold Brodkey hätte ohne ihn in Deutschland kaum ein Publikum gefunden. Aber es muss ihm auch Vergnügen gemacht haben, Karrieren zu behindern. Wenn er mit wegwischender Bewegung sagte: "Ich interessiere mich nicht für ...", dann flossen Tränen.