Im entscheidenden Augenblick schweigt Helmut Kohl. Keine Antwort auf die Frage, wie die großzügigen Geldgeber heißen, die ihm zwischen 1993 und 1998 an der offiziellen Parteikasse vorbei rund zwei Millionen Mark zugeschoben haben. Keine Antwort darauf, woher die anderen, auf ehemaligen Schwarzkonten geparkten Millionen stammten. Und damit auch keine Antwort auf die wirklich zentrale Frage: Zahlten einige Geldgeber als Gegenleistung für Mittlerdienste bei Flugzeug-, Waffen- und Ölgeschäften? War die Regierung Kohl also käuflich? Wurden deshalb, zum Zwecke der Spurenverwischung, im September und Oktober 1998, wenige Tage nach der verlorenen Bundestagswahl, im Bonner Kanzleramt zwei Drittel des Datenbestandes zentral gelöscht und wichtige Akten vernichtet oder außer Haus geschafft?

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss, der am Donnerstag dieser Woche Helmut Kohl zum vierten Mal vernimmt, ist mit seinem Latein am Ende. Die kuriose Folge: Alle Hoffnungen auf Aufklärung ruhen jetzt ausgerechnet auf der Bonner Staatsanwaltschaft, genauer gesagt: auf dem Mann, der das Ermittlungsverfahren wegen der Bundeslöschtage eigentlich schon vor Monaten einstellen wollte. Vermutlich wäre das auch geschehen, hätten nicht knapp 12 000 Menschen dagegen protestiert und hätte nicht der Kölner Generalstaatsanwalt seinen Bonner Kollegen angewiesen weiterzuforschen. Jetzt muss er weiterprüfen, wer im Kanzleramt von Helmut Kohl Daten verändert, Dokumente zerrissen oder fortgebracht hat. Und ob damit mögliche Regierungskriminalität vertuscht werden sollte.

Fündig könnte der Staatsanwalt vielleicht werden, wenn er in die verschwundenen Akten schauen würde. In jene Hunderte Leitz-Ordner, in denen Kohl und sein damaliger Kanzleramtsminister Friedrich Bohl neben privaten Briefen auch Dienstliches und "Privatdienstliches" abgeheftet haben. Die Bohl-Akten befinden sich zum Teil in der Konrad-Adenauer-Stiftung in St. Augustin. Das weiß der Staatsanwalt.

Wo die Kohl-Akten aufbewahrt werden, war bislang unbekannt. Eine mögliche Spur, erfuhr die ZEIT, führt ins norddeutsche Örtchen Kakerbeek: in die Villa des Kohl-Freundes Bacharuddin Jusuf Habibie. Der ehemalige Staatspräsident von Indonesien hat von 1955 bis 1974 in Deutschland gelebt. An der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen promovierte er mit summa cum laude zum Dr. Ing., war später Manager bei der Rüstungsschmiede Messerschmitt-Bölkow-Blohm und bei Airbus in Hamburg. Seit damals besitzt er das Haus in Kakerbeek in der Nähe des Elbstädtchens Stade. Bei der Trauerfeier für Helmut Kohls verstorbene Ehefrau Hannelore im Sommer dieses Jahres gehörte der 65jährige Habibie zu den geladenen Gästen.

Kohl-Dokumente in der Villa Habibies? Den Verdacht löste die Putzfrau des Indonesiers aus. Ein Bekannter von ihr berichtete, sie habe in dem Haus Akten aus der Regierungszeit von Kohl vorgefunden. Die Bonner Staatsanwaltschaft weiß von dieser Aussage, sie erfuhr davon bei einem Besuch im Berliner Kanzleramt am 20. und 21. November. Auf Nachfrage der ZEIT bestätigt sie: "Uns ist diese Spur bekannt, und wir sind ihr nachgegangen." Und das Ergebnis? Keine Antwort.

Was aber hat die Staatsanwälte vom Rhein, in den bisherigen Ermittlungen eher durch Vorsicht und Zurückhaltung aufgefallen, veranlasst, die vage Auskunft eines Hörensagen-Zeugen so ernst zu nehmen und dieser Spur "nachzugehen"? Ist es die Furcht vor dem wachsamen Auge des vorgesetzten Generalstaatsanwalts in Köln? Oder ist der Verdacht, ein Teil der Kohl-Akten könnte in Kakerbeek liegen, begründeter, als frühere Hinweise es waren?

Auf jeden Fall ist die Sache - selbst wenn am Ende keine Akten gefunden werden sollten - nicht ohne Brisanz. Der Name Habibie taucht bei Geschichten aus der "Bananenrepublik Deutschland" immer wieder auf: Zum Beispiel mischte der flugzeugbegeisterte Indonesier kräftig beim Verkauf von Airbus-Maschinen nach Südostasien mit. Aber ausgerechnet die Kanzleramtsakten über Airbus-Geschäfte mit Thailand, ein recht zweifelhafter Deal, sind restlos verschwunden (siehe ZEIT Nr. 46/01).