Ich bin ein Fan von Koalitionsverhandlungen. Meinetwegen könnten sie ewig dauern. Hier exklusiv das Szenario der nächsten Wochen: Am 24. Dezember werden die Berliner Verhandlungen zwischen SPD und PDS wegen schöner Bescherung zum erstem Mal unterbrochen, zu Silvester wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten in Sachen Chinaböllersteuer für zunächst gescheitert erklärt.

Doch zuvor ein Blick zurück: Als ich eines Nachts die zerzausten Haare von FDP-Mann Rexrodt sah, wusste ich, das wird wohl nichts mehr mit der Ampel. Seit Wochen die gleichen Rituale. Männer und Frauen verschwinden abends zur "Tagesschau"-Zeit in verschwiegene Verhandlungsräume. Streng abgeschirmt, hinter zugezogenen Gardinen, bis der Morgen graut. Vor dem Sitzungsmarathon dürfen Journalisten die karg gedeckten Tische abfilmen. Magere Kost, die ewig gleichen Arrangements mit Thermoskannen, Wasser, Apfel- und Kirschsaft. Kleine Flaschen. Dazwischen der leicht angetrocknete Keksmix von gestern. Nur Ramadan ist härter. Und während die Türen sich schließen, stehen draußen im Trenchcoat unter Regenschirmen die Reporter und warten wie bei der Papstwahl, dass weißer Rauch aufsteigen möge. Drinnen rauchen nicht nur die Köpfe, sondern es brennen auch die Adventskerzen. Stimmungsvoll soll es sein, wenn sich Schicksalsfragen stellen und unbeantwortet wieder Platz nehmen. Auf den Gängen huschen einzelne Handys über die Flure, verschwinden in Toiletten und fragen flüsternd die Instruktionen der Parteizentrale ab. Dann kehrt man doppelt erleichtert zurück.

Doch seit letzter Woche ist alles anders, denn: wenn der Tag geht, kommt Gregor Gysi, der klassische Typ des Spätverhandlers. So werden gewiss auch irgendwann im Morgengrauen die Türen der Verhandlungsräume auffliegen. Jetzt möchte man den Originalton der Fußballreporter-Legende Werner Hansch hören, raumgreifend wie immer: "Und hier die Stimmen zum Spiel." Die Aufnahmeleiterin kommt ins Bild, legt den fröstelnden Akteuren auf dem Weg in die Katakomben die Premiere-Decke über die Schultern. Stimmen zum Spiel? SPD-Coach Wowereit: "Ich sag mal, sag ich mal. Wir haben gekämpft, der Gegner war wie erwartet stark, der Gewerkschaftsflügel leider ein Totalausfall." Da nestelt Hansch plötzlich nervös an seinem Kopfhörer: "Gerade erfahren wir, dass Koalitionsverhandlungen endgültig auf fünf Jahre befristet werden. Und damit zurück in die angeschlossenen Fraktionshäuser."