Dieser Streit beherrscht heute auch die Titelzeilen. Liest man sie in einer bestimmten Reihenfolge, ist man schon informiert. "UN-Friedenstruppe muss auf Marschbefehl warten", schreibt die "tageszeitung" heute auf Seite Eins. Die "Süddeutsche Zeitung" schließt sich an mit: "Europäer uneins über UN-Schutztruppe", während die "Welt" die Konsequenzen formuliert: "USA sollen Friedenseinsatz kommandieren". Klingt eher fordernd, denn nach einer Schlagzeile. Derweil haben die Amerikaner die Suche nach Osama Bin Laden ausgedehnt, wie der "Tagesspiegel" schreibt: "CIA fahndet in Pakistan nach bin Laden". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" nimmt den deutschen Verteidigungsminister aufs Korn: "Scharping beschafft 73 Militärtransporter. Die Union droht mit Verfassungsklage." Auch über die K-Frage wird weiterhin berichtet. Die "Frankfurter Rundschau" schreibt: "Glos von Kandidatur Stoibers überzeugt". Nur die "Bild" lässt die Politik in Frieden und zählt unter dem Titel "Millionenscheidung" auf, was Sabine Christiansen so alles durch ihre Scheidung bekommt, darunter ein "treuer Terrier". Immerhin eine bissige Schlagzeile.


Gute Freunde stehen zusammen

Von einem "zerrütteten Binnenverhältnis" der Nato spricht die "Süddeutsche Zeitung" im Zusammenhang mit den Querelen der Nato-Tagung. Offenbar hat man sich in den letzten drei Monaten zwar intensiv mit Krieg beschäftigt, aber keiner hat sich darüber Gedanken gemacht, wer Afghanistan nach dem Ende der Taliban militärisch kontrollieren soll, und schon gar nicht wie. Äußerst pikiert haben die europäischen Verteidigungsminister auf die militärischen Weisungen der USA auf der Tagung reagiert. Die "Süddeutsche Zeitung" führt aus: "Die Ausrufung des Bündnisfalls, diese in der Geschichte der Allianz einmalige, große Geste, wurde beantwortet mit ein paar politischen Erklärungen. Amerika hatte die Nato politisch missbraucht und den tatsächlichen militärischen Wert des Bündnisses in aller Brutalität vorgeführt. Denn die Wahrheit ist: Ohne Amerika ist die Nato nichts, nur mit den USA kann sie alles sein." Und genau diese Aschenputtel-Haltung nervt die Europäer zusehends. Erst geködert und innenpolitischen Schwierigkeiten ausgesetzt, darf zum Beispiel die Bundeswehr ein paar Container in die Türkei fliegen. So etwas kann schon zu höhnischen Kommentaren führen, und das braucht Kanzler Schröder im nächsten Wahljahr sicher nicht. Harsche Töne daher auch in der "Welt": "Es ist keineswegs gesichert, dass die Nato, die die Amerikaner wollen, auch die Nato ist, die die Europäer brauchen." Nun wird man seitens der Europäer aber kaum aus der Nato austreten wollen.
Wie sehr aber das Misstrauen gegen die Alleinentscheider aus Washington wächst, zeigt die Haltung der Franzosen, die ohne die USA in Afghanistan Frieden schaffen wollen. "Die Franzosen dagegen, noch immer Spätgaullisten, wollen alles möglichst fern von den USA. Die Bundesregierung muss entscheiden, ob sie es in Afghanistan ernst meint oder ob sie Grünen und Franzosen gefallen will.", berichtet die "Welt" weiter. Warum sich die Europäer so schwer tun, eine Kommandostruktur für Afghanistan zu stellen, macht die "tageszeitung" deutlich. "Die Vorstellung, dass ein paar tausend UN-Soldaten für Ordnung sorgen könnten, ist mehr als naiv. Auch wenn die UN der Nordallianz die Stationierung dieser Truppen abtrotzt, ihre Präsenz ist ein Symbol, nicht mehr." Denn wie soll man mit ein paar tausend Soldaten ein Land befrieden, das geographisch so unübersichtlich ist und in dem lokale Banden das Recht und die Gewalt auf ihrer Seite haben?

In diesem Zusammenhang fragt man sich bei der "Frankfurter Rundschau", wie die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik in den nächsten Jahren aussehen soll: "Die neue Außenpolitik will souverän, erwachsen und ohne die Begrenzungen sein, die ihr bisher wegen der Nazi-Vergangenheit auferlegt waren. Dazu gehört dann auch die Erkenntnis: Es geht im Kern um (nationale) Interessen; Dank und weitere kulturelle Verpflichtungen müssen zu anderer Gelegenheit abgetragen werden. Wenn Deutschland als demokratisch gefestigt gilt und nun auch als militärischer Akteur auftritt, dann muss es zudem auch eigene Wege gehen, mindestens erwägen können, ohne dass dies gleich als Sonderweg denunziert wird."


Indien droht Pakistan

Derweil zündelt es an einer anderen Stelle der pakistanischen Grenze. Indien zürnt weiter seinem Nachbarn ob der Situation in Kaschmir. Seit Jahrzehnten schon streiten die beiden Staaten, wer denn nun Anrecht auf den Landstrich hat. Der Angriff auf das indische Parlament vor wenigen Tagen soll nach Ansicht der indischen Regierung das Werk von "pakistanischen Terroristen" sein. Nun stehen sich beide Armeen in höchster Alarmbereitschaft gegenüber und der Streit droht zu eskalieren. Die "Süddeutsche Zeitung" meint dazu im heutigen Leitkommentar: "Die Kaschmir-Frage mag letztlich unlösbar sein, weil das mehrheitlich muslimische Territorium sowohl für die nationale Identität des mehrheitlich hinduistischen, aber säkularen Indiens als auch des islamischen Staates Pakistan unverzichtbar ist. Aber beide Länder müssen lernen, mit diesem Konflikt zu leben, ohne den Weltfrieden alle paar Jahre durch einen möglichen Atomkrieg auf dem Subkontinent aufs Spiel zu setzen." Es ist zwar schwer zu glauben, das beide Länder im Moment die Atombombe einsetzen würden, aber allein die Möglichkeit ist erschreckend. Die "Frankfurter Rundschau" befürchtet das Schlimmste, sieht aber in Pakistan den Staat, der zur Zeit besonnen reagiert: "Das bedeutet eine andere Dimension als die ihrer bisherigen Kriege, die Dimension der gegenseitigen Vernichtung. Pakistans General-Präsident Pervez Musharraf scheint es zu wissen. Die indischen Nationalisten nicht. Sie zurückzuhalten ist dringend geboten." Sicher werden auch die Amerikaner mehr als einen Grund haben, eine Eskalation des Streites zu verhindern. Eine dauerhafte Lösung wäre allerdings wünschenswert.


Zum Tode Gilbert Bécauds