Richtig gelesen, Frau Hoffmann: Garagenwein. Das ist das neueste Gesprächsthema im Barrique-Syndikat. Eigentlich ein Gerücht; denn wer hat sie schon gesehen, geschweige denn getrunken, die Garagenweine? Wer hat es in die Welt gesetzt? Wem nützt es? Hat wieder einmal Robert M. Parker jr. seine Hand beziehungsweise seine Nase im Spiel?

Frau Hoffmann, das muss ich leider sagen, interessiert sich nicht für Garagenweine. Sie trinkt keinen Wein, sie spekuliert nicht damit, und meine Garage ist ihr zuwider, denn Frau Hoffmann ist eine Katze und da steht das Ding, mit dem sie manchmal zum Veterinär gefahren wird.

Auch ich kann ohne Garagenweine leben, ich muss es sogar, denn sie sind mir zu teuer. Eine Flasche Garagenwein kostet locker an die 2000 Mark und mehr. Da kann ich nur sagen: "No way!"

Das ist amerikanisch, und ich benutze den Ausdruck nicht deshalb, weil Frau Hoffmann kein Amerikanisch versteht, sondern weil dort, in Amerika, die Garagenweine offenbar entstanden sind. Vielleicht war auch diesmal ein französischer Winzer aus dem Pomerol schneller, aber darauf kommt es nicht an.

Garagenweine heißen so, weil sie von Weingütern produziert werden, die so klein sind, dass man das bisschen Wein, das sie produzieren, in einer Garage keltern und lagern könnte. Und weil es so wenig ist, ist der Wein so teuer? Nein, Frau Hoffmann, nicht automatisch. Dazu muss er schon gut sein, außergewöhnlich gut und rar.

Doch das erklärt es noch nicht. Dazu gehört das richtige Klima. Damit ist diesmal nicht die Meteorologie gemeint, wie man das im Weinbau erwarten könnte, sondern das gesellschaftliche Klima. Und das war am Beginn der neunziger Jahre ideal. Damals galt es als superschick, ein Weingut zu besitzen. Filmregisseure, Kardiologen, Anwälte, Makler, Modemacher und wer sonst bereits eine Rolex hatte und einen E-Type fuhr, diese Erfolgsmenschen kauften sich ein Stück Land und bauten Wein an. Nicht viel Land, diesen Hobbywinzern genügten zwei Hektar, die lassen sich leicht von einer Person bewirtschaften.

Da bleibt sogar noch Zeit, sich den einzelnen Weinstöcken individuell zu widmen: Gutes Zureden hilft nicht nur bei der Pferdezucht. Wenn einem Rebstock täglich eingeflüstert wird, er sei der beste der Welt, dann glaubt er das bald selber und entwickelt sich entsprechend. Hinzu kommt, dass diese Dotcomer noch ein paar Kröten übrig hatten und in ihren kleinen Schuppen (Garage!) die neueste und feinste Technik installierten.

Zunächst ging es ihnen wohl nur darum, den Brüdern im Yachtclub eine Flasche Wein vorzuführen, auf denen ihr Name stand. Als dann schon der erste selbst gekelterte Jahrgang so gut ausfiel, wie das bei Minimalerträgen möglich ist, wurden sie ehrgeizig. Drei Jahre später gewannen ihre Garagenweine bei Verkostungen erste Preise.

Weil da endlich einmal nicht mehr die Premier Grand Crus aus dem Bordelais an der Spitze lagen oder die Champions aus Australien, machte das einen wahnsinnigen Eindruck in der Weinwelt. Jetzt wollten alle solche Weine haben, und genau das war nicht möglich. Es gab nicht genug. Also schossen die Preise in Höhen, von denen aus die alten Matadore wie Zwerge aussahen. Ein neuer Mythos war geboren, eben der Garagenwein.

Da sich die Rolex-Winzer selbstverständlich an den bisherigen Spitzenweinen orientiert hatten, bauten sie vor allem Rotweine an, Cabernet Sauvignon und Merlot, vielleicht auch Syrah. Zuerst im Napa Valley, dann auch im Bordelais, aber wie gesagt, die Reihenfolge ist dabei ziemlich unerheblich. Überhaupt ist die Existenz solcher Weine nicht so erwähnenswert, weil sie praktisch nur bei Auktionen auftauchen. Man könnte sie auch Phantomweine nennen.