Kock:
Ich glaube nicht. Es zeichnet sich ab, dass die eigentliche Zielgruppe, nämlich die Terroristen selbst, offenbar nicht dadurch zu überwinden sind, dass man in Afghanistan eine neue Regierung hat.


Aber die Taliban haben zwar noch nicht komplett aufgegeben, aber sie sind doch besiegt!


Das ist richtig, aber es gibt ja in vielen Ländern der Erde so etwas Ähnliches wie Taliban, und man kann sich schlecht vorstellen, dass das Ziel solcher internationaler Interventionen sein muss, überall ‚reinen Tisch zu machen’. Es ging um den Terrorismus und um die Gefahr, die davon ausgeht, und offenbar ist die damit noch nicht erledigt. Und wir wissen auch noch nicht, wie viel Schäden nun eigentlich herbeigeführt sind und wird das, was als Nachfolge des Taliban-Regimes dort in Afghanistan beginnt, auch Bestand haben. All das ist ja sehr ungewiss. Ich möchte mich deshalb eines Urteils enthalten. Jedenfalls jetzt zu sagen, das ist jetzt alles erfolgreich beendet, das wäre zu früh.


Die evangelische Kirche hatte ja kein eindeutiges Votum zu diesem Krieg gefunden, sondern eine – ja, wie soll ich sagen – etwas ambivalente und hinhaltende Position. Ist das nicht doch etwas, was sozusagen der moralischen Autorität abträglich ist, wenn man in solchen klaren Fragen wie Krieg oder Frieden sich zweifelnd, skeptisch oder einfach nur zurückhaltend äußert? Sie selbst haben es ja eben auch wieder getan.


Wir haben keine unentschiedene Position vertreten. Sondern wir haben festgestellt, dass das was von unserer Kirche bei gleicher Einschätzung der friedensethischen Problematik - nämlich dass Krieg ultima ratio sein muss - abgewogen werden muss, die Frage ist, ist das, was jetzt erreicht wird, erreichbar ist zu vertreten, angesichts der Schäden, die Unbeteiligte dabei zu erleiden haben? Und wir haben angesichts dieser gemeinsamen Voraussetzung keine unentschiedene, sondern eine unterschiedliche Position gehabt. Es gab welche, – Bischof Noack zum Beispiel, Bischöfin Käßmann – die gesagt haben, ‚wir sind der Meinung, dass eine Beteiligung unserer Bundeswehr an dieser Geschichte nicht zu vertreten ist - aufgrund der nicht klaren Ausgangslage. Andere haben gesagt, ‚wenn wir denn bejahen, dass in dieser Situation der Terrorismus nicht anders überwunden werden kann, ohne dass man wenigstens eine erste militärische Aktion macht, dann können wir das durchaus mit vollziehen’. Diese beiden Positionen gibt es in unserer Kirche. Wir haben gesagt, wir können sie nicht mit Mehrheit entscheiden, weil wir genau wissen, dass die Mehrheit möglicherweise nicht das Richtige ist.


Sie sagen jetzt selbst, dass als Krieg ultima ratio gilt. Ist das inzwischen in der Evangelischen Kirche oder in den evangelischen Kirchenleitungen wieder eine anerkannte Position? Ich meine, es gab eine Zeit, wo man gedacht hätte, der totale Pazifismus ist eigentlich die normalere Haltung evangelischer Kirchenführer.


Sie war eigentlich eine normale Haltung, angesichts der atomaren Bedrohung der Weltmächte. Da haben wir eine Position, die ich jetzt einen ‚Atom-Pazifismus’ nenne, eingenommen und es bleibt auch nach dieser Afghanistan-Geschichte, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll, dass aber angesichts der Realitäten in dieser Welt – und das sagt die EKD seit 1994 schon in ihrer Schrift, die sie damals im Anschluss an die Veränderung der Welt veröffentlicht hat – dass eine solche Möglichkeit eben doch nicht ausgeschlossen werden kann, angesichts der Situation, wie eigentlich schon die Barmer theologische Erklärung gesagt hat, der ‚nicht erlösten’ Welt. In der hat der Staat und haben staatliche Autoritäten für Recht und Frieden zu sorgen, und dazu brauchen sie eben auch Androhung und auch Anwendung von Gewalt. Und diese Situation hat sich – glaube ich – nicht verändert. Sie ist nur jetzt zu konkretisieren. Die eigentliche Schwierigkeit ist nicht die Frage, ob so etwas erlaubt ist oder nicht erlaubt ist, sondern ob das jetzt eine Situation, in der es verwendet werden darf oder nicht. Und da muss ich gestehen, ist meine Entscheidung eigentlich eher die gewesen, das wir so wenig über die Ergebnisse wissen und so viel aufgrund der Realitäten fürchten, dass wir es eigentlich lieber nicht machen sollten. Aber, dieses ‚eigentlich lieber nicht’ ist in der Vorsicht gesagt, dass ich auch morgen eines anderen belehrt werden kann.