Meistens schreiben Frauen, und die heftigsten Reaktionen löst Liliom am Hamburger Thalia Theater aus. Gut, da gibt es eine Szene, in der sich der Titelheld ein Messer in den Leib rammt und minutenlang stirbt, da gibt es unendlich langes Schweigen und eine Liebesszene, in der das Mädchen Julie sich den Samen ihres Lilioms zwischen die Beine schmiert, weil sie anders nicht zueinander kommen können. Thalheimers suggestive Bilder begleiten einen auch dann noch, wenn man das Theater längst verlassen hat. Aber deswegen Morddrohungen?

Woher kommt diese Heftigkeit, was löst sie aus? Sind es die Stilmittel der Popkultur, die der Regisseur so wirkungsvoll einsetzt? Das machen fast alle seiner Generation, das kann es nicht sein. Wie also kann einer noch derart provozieren, da man doch im Theater bereits alles gesehen zu haben meint?

Thalheimer und sein Bühnenbilder Olaf Altmann stehen an der Bar des Theaters Divadlo Archa in Prag und wärmen sich mit Wodka. Als "altes Ehepaar" werden die beiden 36-Jährigen oft beschrieben. Sie denken das Gleiche, wollen das Gleiche, und gelegentlich beendet einer die Sätze des anderen. An diesem Abend wirken die Eheleute wie zwei Cowboys. Zwei lonely rider gegen den Rest der Welt.

Im Divadlo Archa wird Thalheimers Dresdner Inszenierung Das Fest - eine Adaption des Filmes von Thomas Vinterberg - gezeigt. Schon seit Wochen sind die Karten ausverkauft, im Foyer mischen sich deutsche und österreichische Geschäftsleute und Diplomaten mit der tschechischen Kulturelite. Gastgeber ist das Prager Festival Deutscher Sprache, das es sich unter der Obhut des Schriftstellers Pavel Kohout zur Aufgabe gemacht hat, jedes Jahr die "interessantesten deutschsprachigen Aufführungen" in die tschechische Hauptstadt zu holen.

"Wir verheimlichen das Festival vor den Touristen", sagt Kohout verschmitzt, "damit wir Einheimischen alles sehen können." An Thalheimers Inszenierung mag Kohout vor allem die Ästhetik, er hält sie für "den Höhepunkt des Festivals". Das findet auch Josef Balvin, einer der beiden Dramaturgen, die entscheiden, welche Arbeiten nach Prag eingeladen werden. Balvin sagt, ein Kollege aus Stuttgart habe ihn auf Thalheimer hingewiesen, außerdem habe er von "diesem Skandal in Hamburg" gehört - der Empörung Klaus von Dohnanyis über Liliom. Der ehemalige Bürgermeister hatte in der Premiere wütend angemerkt, dies sei doch ein "anständiges Stück", welches man auch so inszenieren solle. Wer das Hamburger Bürgertum aus der Fassung bringt, dachte sich Josef Balvin, komme Prag gerade recht. Balvin ist 78 Jahre alt.

Viel Holz, sehr schlicht

Thalheimer sagt, er möchte Theater mehr über seine Sinne verstehen als über den Verstand. Das gelingt ihm manchmal so gut, dass er während seiner eigenen Aufführungen zu weinen beginnt. Zweimal geschieht das an diesem Abend. Das Fest erzählt vom 60. Geburtstag eines erfolgreichen Geschäftsmannes, dessen Sohn im Verlauf der Feier enthüllt, dass der Jubilar seine Kinder über Jahre hinweg vergewaltigt und eine Tochter in den Tod getrieben hat. Eine verlogene Familienfeier, ein steifes Bankett - Thalheimer verstärkt die Spannung, indem er auch Zuschauer an der riesigen Tafel Platz nehmen lässt und ins Spiel einbezieht. Das Prager Publikum ist bei der Sache, es prostet emphatisch und empört sich gehörig, nur einer liest Zeitung, als es quälend lange dauert, bis der Hauptgang aufgetragen ist.