Kochen ist eine meiner Leidenschaften. Ich erfülle mir kulinarische Träume, indem ich behaupte, dass es nichts gibt, was man am Herd nicht herstellen kann. Zum Beispiel Fisch: Es ist so einfach, aus frischem Dorsch, Zander oder Hering ein köstliches Mahl herzustellen. Man muss sich nur Zeit dafür nehmen, sich auf seine Instinkte verlassen, das richtige Gespür haben, was schmecken könnte. Überhaupt Gespür: Immer die richtige Nase für Situationen haben - das ist auch ein Traum. Manchmal bin ich aufbrausend, schlage schon mal die Tür zu. Ich möchte noch ruhiger und gelassener sein. Es gab schon Situationen, die ich mir hätte ersparen können. Auch meine ironischen Anspielungen werden von manchen als verletzend empfunden. Immer richtig verstanden zu werden ist ein frommer Wunsch, ich weiß. Der Traum vom richtigen Gespür ist der Wunsch, unangreifbar zu sein. Du weißt immer genau, ob du gerade einen Fehler machst oder nicht. Du ersparst dir Auseinandersetzungen mit Menschen, weil sie dich nicht missinterpretieren. Und Du baust nicht an einer Stelle Häuser, wo eigentlich ein Park hingehört.

Ich bin in den fünfziger Jahren geboren. Krieg habe ich nicht erlebt. Die Anschläge in New York und Washington haben unsere Träume verändert und etwas in unseren Alltag zurückgezwungen, das wir verdrängt hatten: den Wunsch aller Menschen nach Frieden. Übrigens verwende ich das Wort "Frieden" nicht wie eine in die Jahre gekommene Plattitüde, sondern als ein wirkliches Bedürfnis. Ob sozialer Friede oder ein Welt ohne Kriege - gerade als Berliner, als Bewohner einer Millionenstadt, habe ich die Sehnsucht, dass diese Stadt gewaltfrei bleibt. Dreieinhalb Millionen Berliner, dreieinhalb Millionen Seelen mit Abermillionen Wünschen: Das ist die Realität, die auch von Träumen lebt.

Ich habe nie längere Zeit im Ausland verbracht, und ein Weltenbummler bin ich auch nicht. Ich habe nur ein paar weite Reisen gemacht - nach Asien, nach Lateinamerika. Dabei habe ich gemerkt: Ich würde gern alle Sprachen dieser Welt sprechen, mit allen Nuancen, die es mir erlauben, mich auch im Ausland pointiert und witzig zu unterhalten. Kommunikation ist die wichtigste Voraussetzung, um fremde Gedanken zu verstehen, Missverständnisse zu vermeiden: ob auf Reisen, in der Beziehung, in der Politik.

Ich war noch ein kleiner Junge, als ich einen Nachttraum hatte, an den ich mich jetzt erinnere. Hatte ich gerade Die Märchen aus Tausendundeiner Nacht gelesen? Ich weiß es heute nicht mehr. Aus irgendeinem Grund hatte ich keine Schuhe mehr an und habe sie gesucht. Da bin ich mit nackten Füßen losgegangen und war plötzlich in einem Land, in dem die Menschen Turbane tragen. Ich habe ein Kind gefragt, ob es meine Schuhe gesehen hätte. "Ich habe selbst keine Schuhe", hatte das Kind geantwortet, "aber ich gebe dir meinen Turban." Da sah ich aus wie zuvor das Kind, das mir den Turban gegeben hatte, und bin weitergegangen. Plötzlich war ich irgendwo in Afrika und habe auch dort ein dunkelhäutiges Kind gefragt, ob es meine Schuhe gesehen hätte. Dieses Kind sagte ebenfalls: "Ich habe auch keine Schuhe, aber ich gebe dir mein Hemd", da sah ich plötzlich aus wie der dunkelhäutige Junge. Ich bin weitergegangen und war in Indien und habe ein Kind nach meinen Schuhen gefragt, und auch dort bekam ich die Antwort: "Ich habe selbst keine Schuhe, aber ich gebe dir meine Kleider ...", und ich hatte plötzlich ein weißes Hemd und eine weiße Pluderhose an und sah aus wie ein Kind in Indien. Irgendwann bin ich aufgewacht. Ich kann mich noch entsinnen, dass ich damals verwundert war, aber auch zufrieden und aufgeregt.

Ich habe nie versucht zu ergründen, warum ich diesen Traum hatte. Aber diese Reise um die Welt gefällt mir noch heute. Mir gefiel in meinem Kindertraum, dass es keine Verständigungsschwierigkeiten gab. Alle sahen unterschiedlich aus, aber alle verstanden, was ich wollte, gaben, was sie hatten, und niemand fragte mich, woher ich denn komme. Das ist doch die wahre Schönheit der Kinderzeit: Alles geht, alles scheint beweglich, nichts hat Grenzen, außer dem Taschengeld vielleicht.

*Die Entstehung dieses Traumes war Bedingungen unterworfen, welche die letzten hektischen Wochen in Berlin ganz gut widerspiegeln: Hier mal eine halbe Stunde, dort mal zehn Minuten - ein gestresster Bürgermeister bittet zur Audienz, "aber bitte schnell, mein Terminplan ist schrecklich eng". Und hat der Gesprächspartner eine Frage, über die man länger nachdenken muss, präsentiert er auch schon mal ein altes Vorurteil: "Journalisten wissen häufig nicht, wie wenig Zeit ein Politiker hat." Dabei weiß Wowereit genau, dass gut Ding Weile braucht: Eine Koalition schmiedet sich auch nicht in fünf Minuten. Das Foto entstand auf dem Balkon von Wowereits Arbeitszimmer im Berliner Roten Rathaus.