Auf dem Berliner Zeitungsmarkt Wurzeln zu schlagen bedeutet: kräftige Wurzeln, aus denen Bäume in den Himmel wachsen. Das ist, wie jedermann weiß, nicht leicht. Keinesfalls wird es jedenfalls gelingen mit einem überstrapazierten Zauberwort von der Nutzung erheblicher Synergiepotenziale. Zeitungsredaktionen entwickeln, wenn man sie - wie der Springer-Verlag dies mit der Welt und der Berliner Morgenpost plant - faktisch zusammenlegt, keine zusätzlichen Potenziale

sie werden ärmer, also schwächer, weil ihnen denkende Menschen und damit Ideen abhanden kommen.

Stärker werden die Verlagsrenditen, weil Anzeigenumsätze kostengünstiger erwirtschaftet werden können und weil gemeinsame Vertriebs- und Marketingaufwendungen billiger werden. Das funktioniert aber nur dann und so lange, wie derart synergetisch hergestellte Zeitungen einen ausreichend großen Käufermarkt finden. Auf dem Wege, den Welt und Berliner Morgenpost jetzt gezwungen werden zu gehen, wird es nicht funktionieren. Es ist ein großer Irrtum, man könne große, vereinheitlichte, fabelhaft rentable Produktionseinheiten schaffen und damit große Zeitungen machen, denn: Menschen, die Zeitungen kaufen, kaufen die Besonderheit ihrer Zeitung. Wenn Medienhäuser zu dem Schluss kommen, eine solche Zeitung nicht mehr wirtschaftlich herstellen zu können, sollten sie den marktwirtschaftlichen Weg gehen und sie einstellen. Zumal in Berlin könnten anderen dann vielleicht Flügel wachsen.

Der Autor war Chefredakteur der Berliner Zeitung