Ich habe mehr als 40 Ärzte hinter mir", sagt Felizitas Schneider. Die häufigste Diagnose: "Sie sind gesund." Doch sie fühlte sich alles andere als das. "Um fünf Uhr früh ging's los. Ich lag wach im Bett und hatte das Gefühl, keine Arme und Beine mehr zu haben." Nach einer Fehlgeburt wurde es noch schlimmer. Beim Einkaufen geriet Felizitas Schneider ins Schwitzen, Zug oder Straßenbahn traute sie sich nicht mehr zu benutzen. Weil ihr Sohn wegen Stotterns behandelt werden sollte, kam sie zufällig zu einer Psychiaterin, die endlich ihre Krankheit erkannte: Sie litt seit vielen Jahren unter Depressionen, einem Leiden, das oft auch mit Ängsten einhergeht.

Heute ist die rüstige 68-Jährige erste Vorsitzende von Nash, der Nürnberger Angst-Selbsthilfe. Sie weiß, dass viele ihrer Leidensgenossen eine ähnliche Tour durch die Arztpraxen durchmachen. Laut einer Studie des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie erkennen 41 Prozent der Allgemeinärzte eine leichte Depression nicht. Dabei leidet jeder zehnte Patient in ihrem Wartezimmer an dieser Krankheit der Seele. Den Missstand will das Nürnberger Bündnis gegen Depression angehen. Das Anfang dieses Jahres gestartete Projekt ist auf fünf Jahre angelegt, das Bundesforschungsministerium und drei Sponsoren finanzieren es.

"Ungefähr fünf Prozent der Deutschen leiden unter einer behandlungswürdigen Depression", erklärt Ulrich Hegerl von der Universität München. Er ist Sprecher des Kompetenznetzes Depression, das neben dem Nürnberger Bündnis rund 25 weitere Forschungsprojekte betreut. Nicht alle Formen des Leidens sind behandlungsbedürftig, etwa wenn Schwermut kurzfristig nach dem Tod Angehöriger auftritt. Übrigens sind doppelt so viele Frauen wie Männer depressiv. Woran das liegt, weiß bislang niemand. Diskutiert werden hormonelle Unterschiede, Doppelbelastung vieler Frauen durch Beruf und Familie - oder das zähe Schweigen vieler Männer. Einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge ist Depression in den Industrieländern die Volkskrankheit Nummer eins: In puncto Schwere und Dauer der Erkrankung liege sie vor allen anderen körperlichen und psychischen Leiden. Während Kranke normalerweise wieder gesund werden wollen, möchten Depressive oft nur noch sterben. Mehr als die Hälfte von ihnen versucht irgendwann, sich umzubringen. Die meisten der jährlich rund 12 000 Selbsttötungen in Deutschland sind vermutlich auf Depressionen zurückzuführen. Zum Vergleich: Durch Mord oder Totschlag sterben rund 500, im Verkehr fast 8000 Menschen pro Jahr.

Kürzlich vermeldete das Nürnberger Bündnis einen Initialerfolg: In den ersten drei Quartalen dieses Jahres nahmen sich 47 Menschen in der Stadt das Leben, im Vergleich zu 79 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Suizidversuche im ersten Halbjahr verringerten sich von 255 auf 181. Projektleiter David Althaus bremst indes allzu große Hoffnungen: "Wir müssen erst abwarten, bis wir die Zahlen aus der Vergleichsregion bekommen." Vermutlich habe sich auch dort der allgemeine Trend fortgesetzt und die Anzahl der Suizide reduziert.

Ob allerdings gleich um 40 Prozent wie in der fränkischen Metropole, bleibe abzuwarten. Auf Bitten der Wissenschaftler hätten die lokalen Medien in diesem Jahr wenig über Selbstmorde berichtet, erzählt der Psychologe.

Verringerte Nachahmung könnte einen großen Teil des Rückgangs begründen.

Der Nürnberger Ansatz sei weltweit einmalig, schwärmt Hegerl. Zwar ist es auf der schwedischen Insel Gotland gelungen, allein durch Fortbildung der Hausärzte die Suizidrate um ein Drittel zu senken. Das Nürnberger Projekt reicht noch viel weiter. So werden nicht nur Ärzte, sondern auch Seelsorger, Pfarrer, Altenpfleger, Apotheker und Lehrer geschult. Plakate, Kinospots und Flyer sollen die Öffentlichkeit aufklären. "Damit wollen wir erreichen, dass Betroffene von sich aus dem Hausarzt die Frage stellen, ob sie vielleicht eine Depression haben", erklärt Hegerl. Zudem erhalte jeder, der eine Selbsttötung versucht hat, eine Notfallkarte mit Telefonnummern, unter denen rund um die Uhr Betreuer zu erreichen seien. Sollte sich bestätigen, dass in Nürnberg Suizide besonders stark abgenommen haben, werde man sofort auch in anderen Städten einiges umsetzen, verspricht Hegerl: "Wir müssen die vorhandenen Möglichkeiten besser nutzen." Bislang werde nur ein kleiner Prozentsatz der Erkrankten adäquat behandelt.